Es ist wie beim Golfen. Wenn der erste Schlag so richtig gut gelungen ist, nicht ins Gras gehackt, nicht getoppt, der kleine Ball das Eisen Sieben flüssig geschwungen verlassen, der Pro anerkennend die Weite auf über einhundert Meter taxiert hat, ja, dann ist man bereits infiziert – für das ganze Leben. Das Spiel lässt einen nicht mehr los. + Und so ist es mit dem Camino de Santiago. Kaum sind wir am 16. Mai vom Caminho Portugues zurückgekehrt, schon sitze ich am Schreibtisch, plane den nächsten Jakobsweg.
Santiago de Compostela, Sonntag, 15. Mai 2011 + kurz nach der beeindruckenden 12Uhr-Pilgermesse
Ankommen – erwartet werden: Deutschsprachiges Pilgertreffen
So gegen ein Uhr. Tatort Pilgerhospiz San Martin, direkt gegenüber dem Nordeingang der Kathedrale. Rund zwanzig Pilger sind es doch noch geworden, die dem Aufruf des Ehepaars Koch von der Pilgerseelsorge der Diözese Rottenburg-Stuttgart gefolgt sind. Wir alle wollen Meinungen austauschen – frei nach dem von den Ehrenamtlichen gewählten Motto „Ankommen – erwartet werden.“

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön für diese Initiative.
Die Kosten werden vom Katholischen Auslandssekretariat der Deutschen Bischofskonferenz getragen.
Elke und ich fühlen uns bestätigt: Von dem jugendlich auftretenden weit über 70 jährigen Herrn aus Oberbayern, der schon knappe 10.000 Fuß-Pilgerkilometer hinter sich hat und immer noch weiter machen will, aber auch von denjenigen, die mehr vom Spaß berichten, den sie auf ihrem Wanderweg hatten, statt von Freude oder Dankbarkeit dem Auferstandenen gegenüber zu berichten.
Pater Fidelis, geistlicher Begleiter des Pilgertreffens,
hat schlußendlich die passenden Worte zur Zusammenfassung der engagierten Diskussion finden können. + Allerdings hatte er im Vorwege (auf die Hl. Messe morgens um 8Uhr direkt am Grab des Apostels komme ich noch zurück), zumindest nach meinem Empfinden, für Kopfschütteln gesorgt, als er, bezogen auf die letzten Überreste des hl. Apostels Jakobus, konstatierte, dass seien ja nur Knochen; man solle nicht so viel Aufhebens um Jakobus machen, mehr Jesus Christus in den Vordergrund rücken.
Das was sehr unsensibel, zudem unkorrekt und eines katholischen Geistlichen nicht passend. Zu Ende gedacht hieße das nämlich, die christlich-westliche Begräbniskultur insoweit in Frage zu stellen. Gräber aber, inklusive das des Apostels Jakobus, sind wichtige Erinnerungsstätten, keine Anbetungsorte, wie er vermutete.
Auch hätte er beachten und berücksichtigen müssen, dass – den Unsancen der frühen Christen folgend – auch heute in jedem Altar einer katholischen Kirche die Reliquie eines Heiligen verortet ist. Zuvor hatten die frühen Christen noch direkt über die Begräbnisstätten der zumeist Märtyrer-Heiligen ihre Kirche erbaut.

Mir scheint, dass dem so symphatisch auftretenden Pater Fidelis gar nicht in den Sinn gekommen war, dass er mit diesen – unbedachten – Äußerungen das gesamte knapp 2.000 Jahre alte Wallfahrtswesens in Frage, möglicherweise ad absurdum, gestellt haben könnte. Meines Wissens betet kein vernünftiger katholischer Christ irgendeinen Heiligen an, auch nicht die Jungfrau und Gottesmutter Maria. Die Gläubigen beten ZU den Heiligen, um Fürsprache bei ihm oder ihr zu erbitten – schlussendlich beim Herrgott.
Rückblick: Samstag, 14. Mai 2011, 12Uhr30 + Praza de Obradoiro

Elf Pilgerwandertage liegen hinter uns, Samstag, 14. Mai, 12:30 Uhr, Praza de Obradoiro. Elke liegt in meinen Armen, wir sind erschöpft aber glücklich, rund 230 km sind es geworden, streben nachdenklich zum Eingang der wunderschönen Kathedrale, die 12Uhr-Messe ist noch nicht beendet.
Freundliche Mitpilger bieten sich an, uns auf der Treppe zu fotografieren + Elke möchte unbedingt die Büste des Heiligen Jakobus umarmen, ihm danken, wie 2006.
Es waren schöne Tage, heiße Tage, nasse Stunden nur ganz wenige darunter, anstrengende Tage. + Wir haben geflucht, der Herrgott möge es verzeihen, wir meditierten, lachten miteinander. + Wir bewunderten die portugiesische und spanische Kinderliebe. + Wir haben schöne Orte und Plätze, beeindruckende Kirchen betreten dürfen, viele religiöse Symbole an den Wohnhäusern registriert, + die sprachliche Inkompetenz der meisten Hotelrezeptionisten beklagt, + sie alle leben vom Pilgertourismus, (fast) keiner sprach akzeptables Englisch.
Foto: 15. Mai 2011. Viele Gläubige auf der Empore.
Zu jenem Zeitpunkt konnte man nicht im mindesten erahnen, dass die Kathedrale sieben Jahre später den Haupteingang für immer sperren wird. +
Und kein Jakobusverband sagt(e) etwas, geschweige denn wehrt(e) sich. Alle duck(t)en sich weg. + Eine Schande gegenüber den wahren Pilgern ,gegenüber der Geschichte.
Nachsatz Juni 2026: Der Kölner Dom nimmt ab sofort von jedem Besucher 12 Euro Eintritt. Betende werden in den Seitentrakt „verfrachtet“. + Weg von Kirche – hin zum Tourismus +

Wir haben nette, freundliche, interessante Menschen kennengelernt, unter anderem einen SPD-Ortsbürgermeister aus der Nähe Wolfsburgs, eine Seniorchefin einer Großbäckerei aus Schleswig-Holstein, zwei junge Burschen aus Andorra, eine Buspilgertruppe gesehen, eine fünfköpfige Familie aus der Eifel gesprochen, eine zehnköpfige Gruppe einer evangelischen Bruderschaft war darunter;
und last but not least mit Harold und Irene, einem kanadischen Ehepaar aus Alberta (er urspgl. aus England, sie eine Deutsche), viele Gedanken ausgetauscht, aber eben auch Wanderer kennengelernt , die die Infrastruktur des Caminhos wie selbstverständlich für sich reklamieren, viele Herbergsplätze kosten ja nicht mehr als 5 oder 6 Euro, mit der Kirche, dem Pilgern allerdings nichts am Hut haben.
Ich denke, wir müssen gegensteuern, der Camino de Santiago darf nicht vollends zum profanen Wanderweg mutieren. + Die örtlichen Kirchen am Jakobsweg sollten tagsüber wieder geöffnet sein, heilige Messen angeboten werden. + Die Pilgerseelsorge der Diözese Rottenburg-Stuttgart ist ein guter Anfang. (Stand Mai 2011)
Nach und nach werde ich auf die Erlebnisse aller Etappen eingehen: Derzeit (08-06-26) sind es derer vier. + Bitte zurück auf die Menüseite Caminho Portugues und dann entsprechend anklicken, danke.
Wanderwegenetz Iberische Halbinsel – genannt Camino
Zugegeben, eine provokante Überschrift. + Aber: In jeder (möglichen) Übertreibung steckt ein Körnchen Wahrheit. + Der Caminho Portugues 2011 war – nach 2006 und 2007 natürlich auf meinen geliebten Camino Frances – unsere dritte Jakobswegunternehmung. + Nach vier Jahren Abstinenz sollte der portugiesische Weg quasi als Einstieg und Probepilgern für den geplanten 2012er-CF herhalten. +
Im Rückblick kann ich unmissverständlich feststellen, dass der Camino Portugues Central als ein mehr oder weniger mutierter Erlebniswanderweg mit dem Camino Frances als Jakobusweg absolut nicht konkuierren kann. + Die Kirchen und religiös geprägten Sightseeingpoints waren fast immer leer resp. nicht besucht, seitens der Pilgerwanderer von Interesselosigkeit geprägt, dafür die unweit gelegenen Getränkestände, Restaurants überfüllt und nicht zu überhören. + Relativ viele Pilger bedeuteten mir, unreligiös zu sein, mit der (katholischen) Kirche nichts am Hut zu haben: In der Dichte, absolut und prozentual, mehr als in den Jahren zuvor auf dem CF feststellbar. + Gleichwohl möchte ich den CP Central nicht missen, konnten wir doch mit Harold und Irene aus Calgary u.a.m. sehr interessante Mitpilger kennenlernen.

Brunnen in Porto.
- Alle Wanderwege der iberischen Halbinsel würden nach außen hin mit den Jakobswegen in Verbindung gebracht, *)
- ohne sie letztlich thematisch mit dem Camino de Santiago – dem Weg des heiligen Jakobus – gleichzusetzen.
- Anlehnend an den Camino Frances (seit Jahrhunderten so benannt) nenne man die Wanderwege – auf Portugal bezogen – schlichtweg Caminho (Weg) Portugues Central mit Lissabon oder Porto als übliche Einstiegsorte oder ergänzend von Porto aus Caminho (Weg) Portugues da Costa,
- was rein sprachlich und faktisch ja auch völlig korrekt sei.
- Mit dem Jakobsweg, mit dem Camino de Sant`iago, dem Weg des heiligen Apostels Jakobus, habe das – wie oben angeführt – aber immer weniger zu tun,
- wohl aber mit touristisch erschlossenen Wanderwegen. + So ehrlich sollte man sein.
*) Ergebnis einer Diskussion mit einem kenntnisreichen Wanderer, einem Deutschschweizer aus Karlsruhe resp. Basel, wonach dieser die Jakobswege auf der spanischen Halbinsel ins Verhältnis setzte zu den normalen Wanderwegenetzen in Deutschland, der Schweiz oder Österreich, die es in Spanien und Portugal in dieser Form halt nicht gebe.
Typische Äußerungen
- „Ich will auch mal für mich sein, nicht nur für die Familie“,
- so eine Wandersfrau, die der Santiaoger Kathedrale überhaupt nichts abgewinnen kann; für Kenner das Gotteshaus par excellence.
- „Habe ich überhaupt noch Lust, mich für andere aufzureiben?“
- „Meine Ehe ist am Nullpunkt angelangt. Brauche Abstand.“
- „Ich will Menschen fremder Kulturen kennenlernen.“ – Billiger ginge es nicht.
- „Ich suche die sportliche Herausforderung.“
- „Nein, die Institution Kirche lehne ich ab, will eigentlich austreten.“
Wenn Elke und ich dann frank und frei zum Ausdruck brachten, dass wir nicht nur gläubig, sondern religiös sind, Bewunderer von Papst Benedikt XVI. zudem, gar uns im weltbekannten Marienwallfahrtsort Fatima wohlfühlten, ja, dann blieb einem nicht verborgen, wie es geradezu ungläubig im Gehirn des Gegenübers ratterte.
Das Foto steht stellvertretend für die vielen nicht gemachten Schnappschüsse laut schwatzender und trinkender Wanderer, gerne in Sichtweite der Kirchen.
Das schlägt sich durch auf die Motivation des durchschnittlichen Wanderers, der sich mehrheitlich immer noch Pilger nennt. Die Wanderer pilgerten eben nicht mehr zum Grab des Apostels Sant` iago. So mancher weiß überhaupt nicht um diesen großen Heiligen.


Santiaguino do Monte. Die Wallfahrt zum Santiaguino do Monte (Jaköbchen vom Berge) geht über 500 Meter und führt zu der Stelle, wo der der Legende nach der Apostel Jakobus seine erste Predigt auf spanischem Boden gehalten haen soll.
Das Foto zeigt die kleine Jakobsstatue mit Steinkreuz. Wenn man dann noch alle 114 Stufen ohne Pause absolviert, kommt man später in den Genuss der Gnade. +
Unnötig zu erwähnen, dass wir die einzigen Wallfahrer waren, die anderen saßen in der Allee, wo auch immer, und tranken Bier.
Sie gehen folgerichtig auch nicht zur Pilgermesse, die ja nicht nur in Santiago, sondern an sich in den meisten Orten angeboten wird. Man will Spaß haben, sein Bier trinken, des öfteren lärmend, nehmen zuweilen wenig Rücksicht auf die Pilge. + Außerhalb der Messzeiten sind allerdings nicht wenige Gotteshäuser geschlossen ob des Vandalismus und ungenügenden Verhaltens so mancher Wanderer in den Kirchen oder Kapellen.
Kontrast
Pastoralbrief des ehem. Erzbischofs von Santiago, Monsignore Julian Barrio Barrio, zum Heiligen Compostelanischen Jahr 2010
Pilger des Glaubens und Zeugen des auferstandenen Christus
- Pilger des Glaubens und Zeugen des auferstandenen Christus:
- so ist der Weg nach Santiago für den, der im Geist und in der Wahrheit pilgert, ein geeigneter Ort,
- um mit Gott ins Gespräch zu kommen;
- er ist ein Zeichen, das ihm hilft, sich von Gott geschaffen
- und durch Christus befreit zu fühlen,
- und er ist eine Erfahrung, in der der Pilger lernt, zu geben und zu empfangen.
Santiago de Compostela am 8. Dezember 2024. Feier des Hochfestes Maria Empfängnis (in Spanien gesetzlicher Feiertag). +
Im Vordergrund der seit 2023 emeritierte Erzbischof Monsignore Julian Barrio Barrio (damals 76 Jahre alt), hinter ihm der seit 2023 amtierende Erzbischof Msgr. Francisco Jose Prieto Fernandez (damals 54 Jahre alt), bislang Weihbischof in der Erzdiözese. +
Mich rührt der obige Text an. Warum? Ich gehe den Camino de Santiago – spätestens nach den ersten einhundert Kilometern unseres ersten Camino Frances in 2006 bin ich mir dessen bewusst geworden -, um zu danken, nicht um Probleme auf andere abzuwälzen. + Ich danke meinem Herrgott, dass er mir bis dato ein gutes Leben geschenkt hat; diskutiere aber auch mit ihm, hadere, frage nach, bete. + Die damit verbundenen körperlichen Anstrengungen nehme ich gerne in Kauf: also Körper und Seele in Gleichklang bringen.
