Kathedralen am Camino

Einstimmung

Die Auswahl der (später von mir) im Detail beschriebenen Kathedralen und Kirchen spiegelt unsere subjektive Auswahl wider. Mehrere der nicht genannten Gotteshäuser waren geschlossen – über die Jahre gesehen mit zunehmender Tendenz.

Ausführliche Beschreibung Santa Maria de Eunate am Camino Aragones, unweit des Camino Frances: bitte scrollen.

Kathedralen für die Jakobspilger.

Viele der frühen spanischen Kathedralen wurden explizit für die Jakobspilger gebaut. Von der romanischen Großzügigkeit Santiagos bis zu den hochgotischen Ausbrüchen in Burgos und Leon. Das mögen besonders jene Pilger/Wanderer beachten, die heute über die Wucht und Schönheit dieser Gotteshäuser die Nase rümpfen. Alles zur Ehre Gottes und Mariens.

Maria. Mittlerin aller Gnaden.

Eine nicht unerhebliche Anzahl Kirchen und Kapellen am Camino de Santiago sind der Madonna, der Jungfrau Maria geweiht: Unserer Lieben Frau vom Weg / La Virgen del Camino. Nicht von ungefähr. Maria: Mittlerin aller Gnaden – Mediatrix omnium gratiarum.

Wie prinzipiell alle Päpste der Neuzeit, an erster Stelle nenne ich Pius XII., Johannes XXIII., Johannes Paul II., so war auch Papst Benedikt XVI. ein großer Marienverehrer. Für Benedikt XVI. ist „Maria: Sitz der Weisheit – Sedes Sapientiae“, vertieft am 14. Dezember 2006.

Warum? „Im Jesuskind, mit dem sie (Anm.: die Jungfrau und Gottesmutter Maria) in nie endender stiller Zwiesprache stand, erkannte sie das menschliche Antlitz Gottes, sodass sich die geheimnisvolle Weisheit des Sohnes in den Geist und in das Herz der Mutter eingeprägt hat.“

Der mittelalterliche Pilger und sein unerschütterliches Vertrauen in die Madonna

So ist nachvollziehbar, dass gerade der mittelalterliche Pilger, der die von den Steinmetzen jener Zeit kunstvoll in Szene gesetzten Figuren noch deuten konnte, sein unerschütterliches Vertrauen in die Gottesmutter setzte. Überall am Wegesrand sah er infolgedessen die Augen der Madonna, das Jesuskind im Arm, herabblicken von den Eremitagen, von den Kapellen, in den beeindruckend schönen und mächtigen Kathedralen.

Wer von uns modernen Menschen kann noch die Geschichte der Wandbilder, der Heiligenfiguren, Tiere, Altaraufsätze, Retabeln deuten, lesen? Wer von uns weiß um die Symbole der vier Evangelisten? *) Wer kennt die Namen der Apostel?*) Wer weiß von den alttestamentarischen Propheten *), von den Ältesten des Jüngsten Gerichts?*) Wer weiß um die mittelalterliche Christusdarstellung als Pantokrator, als Weltenherrscher? Vielleicht der religiös interessierte Kunststudent? Der theologisch Gebildete? Alles verschwimmt. Alles wird zur profanen Kunst erklärt. *) Erklärung unten.

Kirchen sind keine Besichtigungsobjekte für Touristen

Die Pfarrkirche/Parraquia de San Juan de Furelos aus dem 13/14. Jahrhundert ist berühmt für ihr Kruzifix mit dem herabhängenden rechten Arm Jesu Christi, der zur Erde zeigt. Dazu die Webseite der Jakobusfreunde Paderborn:

  • Der Priester des Ortes erklärt es so:
  • Die Arme des Gekreuzigten bilden die Verbindung von unserer Erde zum Himmel.

Üblicherweise werden die gekreuzigten Arme Jesu Christi als seine Einladung an uns Gläubige verstanden, ihm nachzufolgen, nicht unbedingt auch am Kreuz, aber auf seinem Weg in die himmlische Herrlichkeit. – Leider kann ich an dieser Stelle das betreffende Foto aus urheberrechtlichen Gründen nicht zeigen.

  • Unterwegs betraten wir jede Kirche und Kapelle, deren Türen sich öffnen ließ.
  • Jede Kirche ist ein Original, so wie jeder Mensch auch.
  • Wir bekamen ein Gespür dafür, ob in einer Kirche noch gebetet wird; ja, das spürt man, anderenfalls wird sie zum Museum.
  • Wir sollten in unseren Kirchen eine Gebetspräsenz anstreben;
  • das Haus, wo Gott in unserer Mitte wohnt, darf nicht verwaisen zum Besichtigungsobjekt für Touristen.
  • Quelle: Margit Fischer-Blatt. Essay in der Tagespost vom 10. März 2022 – Der Weg hat ein Ziel. Ich kann ihr Wort für Wort folgen.

Die Iglesia liegt unmittelbar am Camino de Santiago. Man überquert die mittelalterliche Brücke Richtung Melide, genießt den tollen Überblick über das Stadtbild und wird, so ist es uns geschehen, vom Pfarrer eingeladen, in die Kirche einzutreten. Wahrscheinlich, und das ist nicht verwunderlich, eilen die meisten Pilger achtlos vorbei, wie an jenem Tag die zwei Skandinavierinnen, mit denen wir uns noch wenige Augenblicke zuvor auf der Brücke unterhalten hatten. Wer interessiert sich schon für ein solch` Kirchlein? Wir.

Leider verdeckt der simple Altartisch den schönen Hochaltar. Ein Jammer. Und das hätte alles nicht sein müssen, hätte sich weiland nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1962/65 die Liturgiekommission nicht über den Willen der Konzilsbeschöfe hinweggesetzt.

Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben

Sagt Peter Bieri (1944), Schweizer Philosoph und Schriftsteller, in seinem Roman Nachtzug nach Lissabon (2004), besser bekannt unter seinem Pseudonym Pascal Mercier:

  • Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben. Ich brauche ihre Schönheit und Erhabenheit.
  • Ich brauche sie gegen die Gewöhnlichkeit der Welt. Ich will zu leuchtenden Kirchenfenstern hinaufsehen und mich blenden lassen von den unirdischen Farben. Ich brauche ihren Glanz.
  • Ich will mich einhüllen lassen von der herben Kühle der Kirchen. Ich brauche ihr gebieterisches Schweigen.
  • Ich brauche es gegen das (…) geistreiche Geschwätz der Mitläufer.
  • Ich will den rauschenden Klang der Orgel hören, diese Überschwemmung von überirdischen Tönen.
  • Ich liebe betende Menschen. Ich brauche ihren Anblick. Ich brauche ihn gegen das tückische Gift des Oberflächlichen und Gedankenlosen.
  • Ich will die mächtigen Worte der Bibel lesen. Ich brauche die unwirkliche Kraft ihrer Poesie. Ich brauche sie gegen die Verwahrlosung der Sprache und die Diktatur der Parolen.
  • Eine Welt ohne diese Dinge wäre eine Welt, in der ich nicht leben möchte.

Spanische Kirchen unterscheiden sich

Entlang des mittelalterlichen Pilgerwegs berühren sich mehrere Kunstströmungen. In erster Linie die der Romanik mit der Gotik; gelegentlich unterbrochen von Renaissanceanbauten, vom Barock, von klassizistischen Außenfassaden von bemerkenswerter Schönheit.

Wie überhaupt zu konstatieren ist, daß sich die mittelalterliche Kunst Spaniens fast ausschließlich in Kirchen und Kapellen bestaunen läßt. Die großen Kirchenbauten des 13./14. Jhs. von Burgos, Leon, Logrono und Santiago wurden nicht nur von der Kirche selbst, sondern auch und gerade vom Adel und den zu Reichtum gekommenen Bürgern in Auftrag gegeben, das Königshaus hielt sich vornehm zurück.

Spanische Kirchen unterscheiden sich von den in anderen Ländern anzutreffenden Gotteshäusern. Der Mönchs-Chor befindet sich in der Regel vor der Vierung im Mittelschiff. Er nennt sich Coro; in Deutschland ist der Chor hinter der Vierung platziert, sodass man hier eigentlich von einem besseren Gesamteindruck des Mittelschiffs sprechen kann.

In vormaligen Zeiten war den spanischen Gläubigen gar der Blick auf den Hauptaltar verwehrt, weil der hohe Coro, der Mönchs-Chor, den Blick versperrte. Als Ausweichlösung boten sich dafür die eigens an den sehr ausgeschmückten Außenseiten des Coro errichteten Trascoro-Altäre an.

Spanische Altarwände – Retabeln

Von besonderem Interesse sind die aufwändig gestalteten und übergroßen Altarwände / Retabeln; oftmals in vertikale und horizontale Register gegliedert. Beispiele finden sich zuhauf: Astorga, Navarette, Miraflores, etc.

Solche Altarwände wurden später auf die Außenfassaden der Kathedralen beispielsweise von Los Arcos und Viana übertragen, wie auch auf das Stadttor von Burgos.

Dietrich Höllhuber und Werner Schäfke sprechen in ihrem Jakobswegführer Landschaft, Geschichte und Kunst (6. aktualisierte Auflage 2008, Dumont Kunst) gar davon, daß der mittlere Fassadenteil der barocken Westfassade der Kathedrale von Santiago de Compostela als eine nach außen projizierte Altarwand aufgefasst werden könne.

Spaniens Kirche hat es nicht leicht

Zielscheibe der Regierung

Seit Jahrzehnten Zielscheibe der Linken. In Europa eine Besonderheit. Zwei unversöhnliche Lager stehen einander gegenüber. Die Ereignisse während des Bürgerkrieges 1936/39 sind Beleg genug. Später mehr hierüber.

Eulogio Lopez, Chefredakteur und Gründe der 1996 gegründeten katholischen Onlinezeitung „Hispanidad“ sprach mit der Tagespost  (4. Juni 2020, S. 9.) über die heutige Situation. Sie ähnelt insoweit der deutschen, als in beiden Ländern sich ein Großteil der Bischöfe dem Staat resp. dem zeitgeistgesteuerten Mainstream quasi andient.

Entchristliches Europa. Der Sohn Gottes wird erneut gekreuzigt

Titelte Luis Maria Anson in der spanischen Zeitung „La Razon“. Der gekreuzigte Christus von Nikos Kazantzakis blute erneut angesichts der allgemeinen Gleichgültigkeit in einem in weiten Teilen schon entchristlichten Europa. Manchen christlichen Intellektuellen müsse verdeutlicht werden, dass die Evangelien keine Ergänzung zum Talmud, zum Avesta oder zum „Kapital“, sondern Quelle der christlichen Wahrheit seien. Papst Pius X. wollte alles in Christus wieder herstellen: „Instaurare omnia in Christo“. Jedoch, die Gesellschaft habe sich im 20. Jahrhundert anders entwickelt.

Es gibt Hoffnung. Tröstlich zu sehen, wie sich in Spanien die Volksfrömmigkeit bei der Prozessionen der Karwoche zeigt – zum Beispiel in Burgos am Jakobsweg. Quelle: Die Tagespost vom 4. April 2024, Rubrik Pressestimmen Seite 8.

*) Evangelisten. Apostel. Propheten. Älteste des Jüngsten Gerichts.

*) Zum obigen Titel: Der mittelalterliche Pilger und sein unerschütterliches Vertrauen in die Madonna. Symbole der Evangelisten. Matthäus: Mensch. Markus: Löwe. Lukas: Stier. Johannes: Adler. – Namen der Apostel, Propheten, Ältesten des Gerichts.

Die 12 Apostel: Simon Petrus (Kephas: der Fels), Andreas (sein Bruder); Jakobus der Ältere (Sohn des Zebedäus und der Salome; seine sterblichen Überreste befinden sich der Tradition zufolge in der Kathedrale von Santiago die Compostela), Johannes (Bruder des Jakobus); Philippus; Bartholomäus (auch genannt Nathanael); Thomas (Didymos, der Zwilling); Matthäus (auch Levi genannt; Evangelist); Jakobus der Jüngere (Sohn des Alphäus; er gilt als der erste Bischof von Jerusalem); Thaddäus (auch Judas, Sohn des Jakobus genannt); Simon der Zelot; Judas Iskariot (der Jesus verraten hat); Matthias (Nachfolger von Judas Iskariot).

Propheten, Protagonisten des Alten Testaments: Jesaja, Jeremia, Baruch, Ezechiel, Daniel, Hosea, Joel, Amos, Jona, Micha, Nahum, Habakuk, Zefanja, Haggai, Sacharja, Maleachi. Außerdem zu nennen Josua, Rut, Samuel, Elija, Elischa, Kohelet, Jesus Sirach, Esra, Nehemia, Tobit, Judit, Ester, Ijob, und last but not least David und Salomon.

Die 24 Ältesten des Jüngsten Gerichts (Parusie: Wiederkunft Jesu Christi): Johannes geht in der Offenbarung 4,4 (Apokalypse) nicht auf die Namen ein. Er beschreibt sie mit weißen Kleidern, auf ihren Köpfen goldene Kronen. Auf jeden Fall sind es heilige Personen, möglicherweise darunter die Erzväter Abraham, Isaak und Jakob, vermutlich auch engelsgleiche Wesen. Sie alle eint, dass sie schon in die himmlische Herrlichkeit Gottes eingegangen sind.

Mehr jeweils via Heiligenlexikon.de

Eunate. Juwel am Camino Aragones

Ermita de Nuestra Senora de Eunate. Santa Maria de Eunate

Eines der Highlights am Camino Aragonés. Von hier sind es nur noch wenige Kilometer bis zum Knotenpunkt Puente la Reina. Was macht Eunate so interessant?

Wie viele Gotteshäuser am Camino de Santiago ist die Wallfahrtskirche im 12. Jahrhundert erbaut worden, zur Ehre Gottes und Jesu Mutter, der seligen Maria. Die Ermita ist achteckig im Grundriss und hat außen eine fünfeckige und innen eine halbrunde Apsis. Die zwei Portale des Oktogon (Achteck) sind wie die kleinen Fenster aus Alabaster und die Kapitelle reich verziert mit menschlichen und tierischen Zügen, Fabelwesen und Pflanzenmotiven. Die Arkaden tragen zum außergewöhnlichen Erscheinungsbild romanischer Baukunst bei. Offensichtlich war nie geplant gewesen, die Arkaden zu überdachen.

Das Kleinod steht auf freier Fläche, es ist von keiner Siedlung umgeben. Es gibt mehrere Theorien zum Entstehen. Die eine bezieht sich auf die Bauweise, auf das Oktogon und verweist somit auf die Jerusalemer Grabeskirche und ordnet sie so den Tempelrittern zu. Andere behaupten, sie sei als Grabkapelle einer reichen Dame konzipiert. Fakt ist, bei Ausgrabungen hat man Gräber mit Muscheln als Grabbeilagen gefunden. Die Vermutung ist also nicht von der Hand zu weisen, dass die Kirche als Friedhofs- und/oder Hospizkirche für Pilger diente. Der Name Eunate könnte dem Baskischen entnommen sein, entweder herkommend von 100 Türen oder von eu nato = wohl geboren. Alle Deutungen machten Sinn. Auch wird sie in Verbindung gebracht mit der nahe gelegenen Heiliggrabkirche in Torres del Rio.

Interessant auch der Artikel von Anton Pombo auf gronze.com vom 21. Mai 2024: Eunate, Templer-Mythos? Akzeptable deutsche Übesetzung möglich. – Mein Text und meine Fotos stammen aus 2014.

PAPST BENEDIKT XVI.

Joseph Kardinal Ratzinger, der spätere Papst, stützt mit seinen Zeilen in seinem im Jahre 2000 herausgegeben Buch „Der Geist der Liturgie“ indirekt die Vorstellung von der Jerusalemer Grabeskirche: „(…) Die Väter verbanden damit die Idee, dass die Weltgeschichte als Ganze gleichsam als eine große Sieben-Tage-Woche (…) anzusehen sei. Der achte Tag bedeutet so die neue Zeit, die mit der Auferstehung angebrochen ist.  (…) Von diesem Symbolismus des achten Tages her hat man die Baptisterien – die Taufkirchen – gern als Oktogone, achteckig, gebaut, Taufe als Geburt in den achten Tag hinein, in die Auferstehung Christi und in die damit eröffnete neue Zeit hinein auszulegen.“

Ein anderer Autor zieht die Linie vom Alten Testament mit Noah als „dem Achten“ aller auf der Arche befindlichen Personen, beschreibt den 8. Tag jenseits der Sieben-Tage-Schöpfung als den Anfang auf die Ewigkeit hin, zum Taufverständnis der Kirchenväter, die die Taufe als das „Mysterium der Achtzahl“ bezeichneten. Mit der Auferstehung des Fleisches vom Tod in Jesu Auferstehung sei die Vollendung der Welt vorweggenommen, und damit sei der neutestamtliche Jesus Christus unverbrüchlich geworden.
Mein Fazit: Es wird sich um eine Taufkirche gehandelt haben.

Im Inneren ist eine Marienfigur zu bestaunen, eine Nachbildung des verschollenen romanischen Originals. 1943 wurde Eunate restauriert, also lange vor den einsetzenden Jakobspilgerströmen.

LEGENDE

Interessant ist die mit Eunate verbundene Legende. Es geht um ein fliegendes Portal, um einen alten Bildhauermeister, der, bevor seine Arbeiten am Kirchlein beendet waren, das Land verließ, die Mönche (Tempelritter?) daraufhin kurzerhand einen lokalen Steinmetz mit der Fertigung des Portals beauftragten. Der alte Steinmetz kehrte aber zurück, schäumte vor Wut und so nahm die Geschichte, die Legende einen wundersamen Verlauf. Wer sie zu Ende lesen möchte, der bediene sich des Buches von Andreas Drouve ‚Geheimnis und Mythos Jakobsweg‘ (marixverlag). Soviel sei verraten, die Kirche von Olcoz weist das gleiche Portal auf wie das von Eunate, vom selben Steinbildhauer gestaltet. 

Heute ist Eunate alljährlich Ziel mehrerer Wallfahrten und gibt Hochzeiten und Konzerten einen außergewöhnlichen Rahmen.