Der Countdown beginnt um 6:15 Uhr. Wie (fast) immer mache ich zu Beginn der Tagesetappe ein Foto von Elke – vor dem Hotel. Gerade als wir um 6:40 Uhr Pepes Bar verlassen, gibt’s ein lautes Hallo mit Harold und Irene aus Calgary, Kanada (ursprgl. England resp. Deutschland). + Dieses Foto vom Haupteingang aus aufzunehmen, wäre nach 2019 nicht mehr möglich gewesen.

Es wird – leider – das letzte sein. Wir werden sie nicht mehr treffen. Schade.
Es ist noch dunkel. Die Markierungen sind teils schwierig zu erkennen, einmal müssen wir einen unbeschrankten Bahnübergang queren.
John Brierley schreibt: Eine abwechslungsreiche Tageswanderung mit verschiedenen Teilabschnitten auf der N-550, die zunehmend verkehrsreicher wird. Doch finden wir noch immer natürliche Wanderwege durch Eichen-, Pinien- und Eukalyptuswälder. Es gibt noch immer überraschend wenige Cafés oder Geschäfte auf der Strecke. Nur wenige Kilometer sind es durch die Vororte. Elke: „Weißt du eigentlich, wo wir hier rauskommen? (…) Bei unserem „alten“ Hotel von 2006.“ Genauso ist es. Wir sehen plötzlich klarer, alles kommt uns so vertraut vor.
Exakt halb eins: Elke und ich stehen vor dem Portal. Fast unwillkürlich kullern die Tränen, wir sind nicht einzigen, denen dieses widerfährt, stumm nimmt Elke mich in den Arm, alles fällt von ihr ab, sie denkt nicht mehr an die Strapazen, an die Unbilden mit mir und meinen Pausen.
Ich bin überzeugt, sie ist glücklich – ich auch. Ein unbeschreibliches Gefühl der Freude, der Dankbarkeit, des Gefühls, etwas nicht Alltägliches geleistet zu haben.
Man beachte die geöffnete Treppe zum Haupteingang. Seit 2019 geschlossen.

Elke will unbedingt sofort in die Kathedrale, zum Grab und zur Büste des Apostels. Ihn umarmen. Wir sehen, sprechen mit den Holländern, sie kamen gestern an, ebenso freuen wir uns über die Blicke der beiden Pilger aus Andorra. Ich setze mich durch und so gehen wir zum Pilgerbüro. Ich möchte unbedingt die Compostela haben, die Bescheinigung des gegangenen Weges. Oh, eine lange Schlange ist abzuwarten.

Ich vertreibe mir die Zeit und spreche Peter aus dem Saarland an, so stellt er sich vor. Er wird uns gleich motivieren, unsere Reservation zu canceln und stattdessen „seine“ Hospederia San Martin zu wählen. Es soll dort ein phantastisches Frühstück geben – es ist ein ehemaliges Priesterseminar. Er hat Recht. Und überhaupt, seine Geschichten vom Weg, vom Camino Frances, über 800 km, sind phantastisch glaubwürdig, voller wundersamer Begegnungen.
Foto: Peter aus dem Saarland mit uns beim abendlichen Pilgermenü in der Hosperia. Je Tisch eine Flasche Rotwein gratis.
Ein Bischof aus Benin leitet den sonntäglichen Haupt-Gottesdienst. Es ist gerammelt voll, schon um viertel vor elf für die 12 Uhr Messe, während die 10 Uhr Messe noch zelebriert wird.


Völlig undamenhaft drängeln sich spanische Frauen in die Bänke, junge Pilger nehmen hingegen auf dem kalten Boden Platz oder setzen sich auf ihre Rucksäcke.
Klar, dass viel fotografiert wird. Kaum auszumalen, wenn jeder der hier Anwesenden auch daheim in den sonntäglichen Gottesdienst ginge, wie weiland in den 50zigern.
Nach der spanisch gehaltenen Predigt, wie immer werden dabei die vielen Ländernamen benannt, deren PilgerInnen sich haben registrieren lassen, ergreift der afrikanische Bischof das Wort.
Völlig überraschend wendet er sich diesmal in deutscher Sprache an uns. In kurzen, aber eindrücklichen Sätzen geht er auf Jesu-Worte des aktuellen Evangeliums vom 4. Sonntag der Osterzeit ein – Joh 10,1-10:
Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden. Ergreifend.
Das habe es noch nie gegeben, so Hr. Koch von der Pilgerbetreuung der Diözese Rottenburg-Stuttgart


Das Schwenken des Botafumeiros bildet den würdigen Abschluss.
Wir erleben es nach 2006 zum zweiten Mal: Imposant.
Das anschließende Pilgertreffen hat uns gut getan. Es bestätigt uns in der Annahme, weiter zu machen.
Dazu der Erzbischof in seinem Pastoralbrief: Die Jakobuspilgerschaft unternimmt man nicht um einer besonderen Erfahrung willen, sondern um sich auf eine unverhoffte Weise verändern zu lassen, und so mit neuen Einstellungen ins gewohnte Leben zurückzukehren.


Absoluter Höhepunkt ist die Hl. Messe Montagmorgen um halb neun – direkt am Jakobusgrab, extra gelesen für 14 deutschsprachige Pilger von Pater Fidelis Pezzei, einem Ladiner, der in der Oberpfalz wirkt. Ein sehr einfühlsamer Geistlicher. Alles organisiert von der Pilgerseelsorge, ebenso die Pilgerführung vom Vorabend rund um die Kathedrale. Man merkte es Herrn. Koch an: er ist von dem, was er uns zur Bedeutung vieler Reliefs oder der Kathedralportale sagte, nicht nur überzeugt, geradezu begeistert.
Heil`ger Jakobus, wir rufen heut` an deinen Namen: Sieh her auf alle, die zu diesem Heiligtum kamen. Tritt für uns ein – Gott möge gnädig uns sein. Führ` uns den guten Weg. Amen.“ + Text: Wolfgang Schneller, 1987
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