Donnerstag, 5. Mai. Wir lernen von John Brierley`s Reiseführer, dass Aufstiege/Berge/Pässe von je 100 m Höhe die eigentliche Tagesetappe um zusätzliche 0,5 km anpasst. So werden beispielsweise aus 18 km der heutigen Etappe Arcos – Barcelos aufgrund der Anstiege von insgesamt 210 m weitere 1000 m, sodass mit Fug und Recht gesagt werden kann, man sei tatsächlich 19 km gegangen. Macht irgendwie Sinn, oder?
Die wahre Legende des Hahns von Barcelos
Stadtmaskottchen Galo do Barcelos

Die Geschichte vom Hahn und dem armen Pilger, der nicht so wollte wie die liebestolle Herbergstochter, der also zunächst wegen des untergeschobenen Diebstahls gehängt, dann aber aufgrund eines Wunders gerettet wurde, ist bekannt.
Dieses Narrativ kann nicht nur Santo Domingo de la Calzada oder das französische Toulouse für sich beanspruchen, nein, auch Barcelos tut es.
Nicht umsonst ist Barcelos so bekannt. Hier ist es allerdings nicht ein Pilger, sondern ein Bauer, der in die Stadt kam und des Diebstahls beschuldigt wurde. Die weitere Geschichte und ihre portugiesische Eigenheit kann nachgelesen werden unter
Die Legende um den Hahn ist in Portugal wohl deshalb so populär, als das sie den Sieg des kleinen Bauern gegen die Mächtigen widerspiegelt.
Das scheint die Portugiesen auf dem großen Platz vor der Kathedrale beim Bier überhaupt nicht zu interessieren. Mit einem komme ich schnell ins Gespräch.
Er „schafft“, so sein Ausdruck, bei Daimler in Sindelfingen, geht bald in den vorzeitigen Ruhestand. Nur wegen des Wochenmarktes ist er nach Barcelos gekommen.

Wochenmarkt und Rummel vor der Kathedrale
Der Besuch des barocken Tempels Igreja do Senhor Bom Jesus da Cruz ist unbedingt zu empfehlen, für den Pilger des Stempels wegen ohnehin, die Kirche besticht nämlich durch ihre vielen in biblische Szenen gesetzten blau bemalten Kacheln plus weitere von der Via Sacra, wie Pflanzenmotive. + Wikipedia (dt. Übersetzung, 07.06.26): Es ist eines der bemerkenswertesten Beispiele italienisch beeinflusster Barockarchitektur im Land. Seit 1958 es als Eigentum von öffentlichem Interesse eingestuft. Das sog. Kreuzwunder geht auf dem 20. Dezember 1504 zurück; dem Schutzpatron Senhor Bom Jesus da Cruz hat man eine fast lebensgroße Skulptur aus Eichenholz gewidmet, Beispiel flämischer Kunst aus dem frühen sechzehnten Jahrhundert.

Die Pause, Stunden zuvor in Pedra Furada, hatte gut getan.
Die sehr gut Englisch sprechende Wirtin der Snackbar ist eine Wucht. Sie kümmert sich, gibt Tipps für mögliche Übernachtungen, stempelt die Pilgerpässe, stimmt zu, dass ich sie fotografieren darf.
Rückblick Hostal Quinta San Miguel, Arcos, 7 Uhr. Eine viertel Stunde später trudelt Christa ein. Mit ihr zusammen wollen wir 2 oder 3 Etappen laufen. Sie hat sich die komplette Reise von einem Reisebüro ausarbeiten lassen, alle Unterkünfte vorgebucht, spontane Änderungen somit nicht möglich. Wir werden also sehen, inwieweit dies mit unseren Vorstellungen kompatibel ist; wir bestreiten gerne auch einmal zwischendurch eine Etappe von über 30 bis zu 35 km. Sie wird wohl nicht mehr als 20 km gehen wollen.
Der nette Wirt hatte sein gestriges Versprechen eingelöst und extra für uns das Frühstücksbuffet schon um 7Uhr geöffnet – statt ab 8Uhr30: Muito obrigado. + Siebenuhrvierzig weg, Ankunft in Barcelos um 13:20h, also rund 5Std.40. – ganz schön viel Zeit für 19 km. Nun gut, es war heiß, der Laufrhythmus muss sich erst finden, zumal die Damen ausnahmslos am Plappern waren, ich zumeist vorneweg, die Situation nutzend, um einige Gesätze des Rosenkranzes zu beten. Allein deswegen kein Unmut. Die Wege teils, teils: holprig, sandig, gepflastert. Das von uns angesteuerte Hotel do Terco zufriedenstellend. Wie übrigens schon zu konstatieren wäre, dass wir uns mehr oder weniger automatisch überwiegend um Hostalsa bemühten, halt dem Wanderweg angepasst. Das – jedenfalls für uns so empfundene richtige – Pilgerfühl kam irgendwie nie auf.
Das abendliche Pilgermenü im Restaurant Vera Cruz ist mit rund 16 Euro (2x Fisch + 3 Bier + Brot + Tipp) sehr günstig. Wir sitzen zusammen mit Hajo, dem niedersächsischen SPD-Ortsbürgermeister (nahe Wolfsburg), er wird uns später immer wieder begleiten, mit „unserer“ Christa aus Schleswig-Holstein und einem Ehepaar aus Münster, Nordrhein-Westfalen, er das erste Mal auf dem Camino, was man bemerkte, sie eine Expertin. Dies Vier teilten das vorgebuchte Hotel und schon hatte man sich für abends verabredet. + Wir verabreden uns mit Christa für acht Uhr, wollen wieder gemeinsam gehen.
Vorschau 3. Etappe:
Schnell schreiten wir weiter, die Busdamen nehmen die Brücke und den Strand in Beschlag, es ist laut. Unser gestern vorsorglich gebuchtes Zimmer bei Fernanda storniere ich per SMS, Elke will nämlich weiter. Immer wieder begegnen uns zwei Holländer, die als Start Lissabon angeben, und zwei junge Frauen, mal vor, mal hinter uns. Zum Schluss, auf der letzten Gerade in Ponte de Lima, hebt die eine doch tatsächlich den Daumen und will damit signalisieren, dass sie unsere Leistung toll findet. „Was denkt die junge Frau sich eigentlich? Wir sind (halbe) Profis“, schießt es mir in den Kopf.
Der ältere Holländer, er spricht gut Deutsch, hatte mir übrigens zu meinem Portemonnaie verholfen, es war mir in der Bar aus der Hosentasche gerutscht. Ich bin ihm heute noch dankbar. In der Kathedrale in Santiago, am Sonntag, werden wir ihn und seinen Freund wieder sehen.