8. Etappe Redondela – Pontevedra, 20 km. + Mittwoch, 11. Mai. Ein freundlicher Postbote spricht uns Mut zu.

Das Frühstück nimmt außer uns beiden fast keiner der Wanderer ein. Sie alle streben gen Pontevedra, rund 20 km entfernt. Eine tolle Stadt, mit einem wunderschönen alten Stadtviertel, mit vielen elegant gekleideten Damen, älteren wie jüngeren, kinderlieb dazu. + John Brierley beschreibt die Etappe wie folgt: Angenehm, variantenreich entlang der schmalen Küstenbucht, mit einer kurzen, aber gefährlichen Strecke die N-550 bergauf nach Arcade; darunter alte Steinpfade: „O Gott, nicht schon wieder“, denke ich. Und weiter schreibt er: Planen Sie Zeit für die Erforschung des alten Viertels ein. Recht hat er.

Und jetzt kommen die Herren aus Andorra ins Spiel. Sie ermutigen uns, das kalte Brunnenwasser zu trinken, es sei sehr genießbar. Immer wenn wir uns sehen, gibt’s ein Hallo, am letzten Tag verabschieden wir uns mit Handschlag, sie sprechen nur wenig Englisch.

Sie sind freundlich, nicht so stur wie viele Deutsche. Das Ehepaar, das heißt die Ehefrau, wir treffen sie an der Muschelwand, erzählt uns, dass sie von Valencia gestartet sind, dem Camino Levante. 800 km werden es dann in Santiago sein.

Es wird immer heißer, knappe 30°, kein Schutz, teils keine Bäume, ich ohne Hut. Die Aufstiege werden steiler, entweder Felsen oder wenig befahrene Straßen. „Es macht kein Spaß mehr“, so Elke. „Freude auch nicht“, sage ich.                                                                                                                                

„Ich kann ja auch nichts dafür.“ Es gibt nur wenige Einkehrmöglichkeiten.

Jetzt aber zu Harold und Irene. Gedanklich zurück, kurz vor Arcade. Alle freuen sich, erzählen einander kurz die letzten Erlebnisse, soweit es mein Englisch zulässt. „I lost my cap”, höre ich mich sagen. Harold: “Oh my goodness, that`s bad, I have a cap for you, I don’t need it anymore, it`s my second? Please, wait, let`s go to the next snackbar and then you`ll get the cap.” Wahnsinn, er gibt mir sein zweites Käppi, ein Geschenk aus Brasilien, und dann steckt er mir noch einen Sticker daran von Jasper/Columbia, Canada, wo er einmal jenseits von Calgary gearbeitet hatte (und wir in 1997 urlaubten). Wie soll man das bloß bezeichnen?

 Wir machen einen Fehler. Wollen schlauer sein als der Führer. Gemäß Führer soll unser Hotel Virgen del Camino direkt am Pilgerweg liegen, in der City Pontevedras. Elke und ich hätten also bloß den Pfeilen folgen brauchen. Und was machen wir, wir fragen, und schon geht`s in die Hose, bemerken schließlich Hinweisschilder fürs Hotel, berücksichtigen aber nicht, dass diese ja für die Autofahrer gedacht sind. Und so laufen wir ein wenig um und dumm, wie Elke zu sagen pflegt. Sie ist down, hat Blasen, die Hitze macht zu schaffen. Eine direkt neben dem Hotel wohnende Deutsche erbarmt sich unser, weist den richtigen, unkomplizierten Weg.                                                                                                                                

Jetzt fehlt noch die Story des Postboten. Einige Kilometer zurück. Wir sitzen direkt vor der Capela Sta. Marta, einige Kilometer vom Centrum entfernt, es ist 12:15 Uhr, also heiß, trinken Wasser, ruhen aus. Ein Postbote hält. Fragt spontan, mit Händen und so, ob er uns fotografieren solle. Na, klar doch. Dann bedeutet er uns, dass es doch nur noch drei Kilometer sind, normalerweise ein Klacks. Er will Trost spenden.  In der Kapelle stempel` ich die Ausweise, es liegt alles parat dafür, gehen sodann, fast schon ein wenig beschwingt, weiter, was aber, wie gesagt, nicht lange anhält. Draußen in der Natur läuft es sich halt schöner als auf Straßenpflaster.

Zwanzig Kilometer sind geschafft. Im Hotel angekommen, wird als erstes die Wäsche gemacht, ich bin wieder dran; ruhen uns aus, leider ist das Fenster nicht zu öffnen, Elke mag die Klimaanlage nicht.

Es ist 17:00 Uhr. Zielstrebig wenden wir uns der Altstadt zu, nur wenige Meter zu gehen. Ich kann`s nur noch `mal sagen, eine tolle Stadt, wunderschöne Kirchen, vor allem die Marienkirche. Wir treffen sie alle, die Kanadier, die aus der Eifel, die Evangelischen, und, und, und. Von unserem Sitzplatz draußen vor der Bar überblicken wir den großen Praza mit vielen spielenden Kindern, die ihre Bälle gegen die Schaufenster schießen, keiner schimpft; links Burger King, vis a vis Cafes, Restaurants. Polizeiwagen queren den Platz, keiner kümmert sich darum.

Ich komme ins Sinnieren, erinnere mich an den Deutschschweizer aus Karlsruhe, seit 40 Jahren in Basel lebend, der die spanischen Wanderrouten wie folgt beschreibt. Danach gibt es nicht ein „normales“ Wanderwegenetz wie in Deutschland, der Schweiz oder Österreich. Alles ist hier auf die Jakobswege abgestimmt, die dann folgerichtig nicht mehr Camino de Santiago (Weg zum heiligen Jakob) genannt werden, sondern Camino Frances, Camino Primitivo, Via de la Plata, Camino Mozarabe, Camino Finisterre oder eben Camino Portugues.

Das schlägt sich durch auf die Motivation des  durchschnittlichen Wanderers. Er oder sie pilgern eben nicht mehr zum Grab des Sant` iago. Gar mancher weiß überhaupt nicht um diesen großen Heiligen. Er/sie geht deshalb auch nicht zur Pilgermesse, die ja nicht nur in Santiago angeboten wird. Man will Spaß haben, sein Bier trinken, ist des öfteren lärmend, nimmt manchmal wenig Rücksicht auf die PilgerInnen.

Dennoch übt der Jakobsweg für viele eine Faszination aus,

Hape Kerkeling lässt grüßen. „Ich will auch mal für mich sein, nicht nur für die Familie“, so eine Wandersfrau, die der Santiaoger Kathedrale überhaupt nichts abgewinnen kann; für Kenner das Gotteshaus par excellence. „Ich will mit meinen Problemen ins Reine kommen!“ „Habe ich noch Lust, mich für andere aufzureiben?“ „Meine Ehe ist am Nullpunkt angelangt.“ so andere. „Ich will Menschen fremder  Kulturen kennenlernen.“ „Ich suche die sportliche Herausforderung.„Nein, die Institution Kirche lehne ich ab, will eigentlich austreten“ sagen weitere. Wenn Elke und ich dann frank und frei zum Ausdruck bringen, dass wir nicht nur gläubig, sondern religiös sind, Bewunderer von Papst Benedikt XVI. zudem, gar uns im weltbekannten Marienwallfahrtsort Fatima wohlfühlten, unsere Reise ist nicht nur auf den Jakobsweg ausgerichtet, ja, dann bleibt einem nicht verborgen, wie es geradezu  im Gehirn des Gegenübers rattert.                                                                                                             

Mittlerweile ist mir der Pastoralbrief des Erzbischofs von Santiago, Julian Barrio Barrio,

zum Heiligen Compostelanischen Jahr 2010 ans Herz gewachsen: Pilger des Glaubens und Zeugen des auferstandenen Christus: so ist der Weg nach Santiago für den, der im Geist und in der Wahrheit pilgert, ein geeigneter Ort, um mit Gott ins Gespräch zu kommen; er ist ein Zeichen, das ihm hilft, sich von Gott geschaffen und durch Christus befreit zu fühlen, und er ist eine Erfahrung, in der der Pilger lernt, zu geben und zu empfangen. Ich gestehe, mich rührt dieser Text an, ich gehe den Camino, um zu danken, nicht um Probleme auf andere abzuwälzen, ich danke meinem Herrgott, der mir bis dato ein gutes Leben geschenkt hat; diskutiere aber auch mit ihm. Die damit verbundenen körperlichen Anstrengungen nehme ich gerne in Kauf – also Körper und Seele in Gleichklang bringen.

So, dass musste `mal gesagt werden. Zurück zum Geschehen. Wir sitzen wie gesagt in Pontevedra – draußen vor dem Café.

Die Marienkirche und die Basilika Maria la Mayor (16. Jh.) sind ausgesprochen schön. Klar, dass in ihr viele Marienstatuen zu sehen sind, besonders jene, die der seligen Gottesmutter von Fatima gewidmet sind. Die Klosterkirche San Francisco aus dem 14. Jahrhundert besticht durch phantastisch schöne Glasfenster.

Es hilft alles nichts, ich habe Hunger, Zeit für Dinner. Vergebens suchen wir nach einem Restaurant, alle öffnen erst ab 20./20:30 Uhr. Zu spät, das Essen soll uns über Nacht nicht im Magen liegen. Mir nichts dir nichts landen wir im Hotel-Restaurant Virgen del Camino. Es gibt zwar auch hier kein ausgewachsenes Menü, dafür Sandwiches und ähnliches. Hajo hatte wohl ebenso empfunden, strahlend nimmt er uns in Empfang, trinken einige Biere zusammen. Morgen wird er mir dann acht Euro zurückgeben, hatte doch die Bedienung einen Teil seiner Biere auf meine Rechnung geschrieben.

Noch ein Wort zur Kinderliebe der Spanier. Sie muss nicht nur wegen der vielen spielenden Kinder, die offensichtlich niemanden stören, groß sein, es gibt so unendlich viele Geschäfte für Braut- und Kinderbekleidung.

In Santiago sagt uns ein Mitpilger: „Wäre ich doch bloß zwei Tage in Pontevedra (seit 1141 belegbar) geblieben. Jetzt muss ich, weil falsch geplant, vier Tage in Santiago rumhängen.“ Recht hat er.

Der Endspurt ist eingeläutet. Nur noch drei Etappen bis nach Santiago. Elke freut sich, nicht wegen der bald nicht mehr auftretenden Strapazen, nein, wir beide freuen uns auf die

Ankunft auf dem Praza do Obradoiro, auf die Westfassade der Kathedrale, auf die Umarmung. Soweit ist es noch nicht. Mindestens 65 Fußkilometer fehlen, müssen bewältigt sein.