Wenn Elke das gewusst hätte! Ja, was wäre geschehen? Wir hätten den Radweg nehmen sollen. Solch eine Strecke war auch mir noch nicht begegnet. Die nachstehenden Fotos geben überhaupt nicht die Wirklichkeit wider.

Beide Reiseführer euphemisieren zu sehr nach meinem Geschmack. Nun gut, auch das ist Geschichte von gestern. Dazu ein Wissenschaftler in einer aktuellen Zeitungsausgabe: Intelligenz (rasches Erfassen der Situation), Motivation und Wille müssen den Dreiklang bilden.
Ungelogen, selbst ich muss mich teils mit allen Vieren abstützen, um weiterzukommen, das Gewicht des Rucksacks zieht nach hinten. Wenn ich dann hinfalle, oder gar Elke, nicht auszumalen.
So ist es auch nicht verwunderlich, dass Elke, sie ist hochgradig verstimmt, sich nicht knipsen lassen will, wo doch das Cruz de Francesco, auch Cruz dos Mortos (Tod) genannt, geradezu einlädt. Es erinnert an Napoleons Besetzung der iberischen Halbinsel 1808 bis 1814. Just an dieser Stelle geriet er damals in einen Hinterhalt. + Wie weiland Karl der Große im 8. Jahrhundert nahe Roncesvalles in den Pyrenäen. Kenner des spanischen Camino Frances werden spätestens jetzt aufgemerkt haben. Steht nicht zwischen Rabanal del Camino und Molinaseca das weltbekannte Cruz de Ferro? + Man spricht ein Gebet, legt ein mitgebrachtes Steinchen ab, alle Mühsal hinter sich lassend; so auch wir.
Beim abendlichen Dinner mit Harold und Irene ist alles wieder vergessen. Die Wirtin hatte einen Fahrdienst zum Restaurant organisiert und schon bildeten sich drei Gruppierungen: Die fünfköpfige Familie aus der Eifel; die christliche Gruppe, fast alle tragen ein großes Kreuz sichtbar um den Hals, beim abendlichen und morgendlichen Gebet wollen sie allerdings unter sich sein.
Und das ausgesprochen freundliche Ehepaar aus Alberta, Kanada mit uns zusammen im Taxi und am Tisch. Die Vita Harolds: Professor für Englisch und Spanisch; emeritiert, mit 79 ausgesprochen fit, ursprünglich aus Manchester, England; 6 Kinder, 15 Enkel, 13 Urenkel; ist seit 1957 schon zig Abschnitte des Camino de Santiago gegangen, aufmerksam geworden durch einen Freund in Logrono. + Sie: Irene, gebürtige Deutsche, nahe Verwandte in Barrien, Norddeutschland, 57 Jahre alt, Nurse, in leitender Position in der Altenpflege für Todgeweihte. Beide wohnen in einem stattlichen Condominium in Calgary mit 200qm-Wohnfläche ohne Garten. Harold ist ein Spaßvogel, nennt mich kurzerhand Al Capone, als ich ihm, neben unseren vielen Reisen in die USA und nach Canada, von meinem Studienaufenthalt in River Forest, Chicago erzähle, dem Wohnort des früheren Mafiosi. + Tage später wird Harold mir völlig uneigennützig aushelfen.
Es stürmt, es regnet, es ist kalt, Elke friert; das Zimmer in der Pensao tut ein Übriges dazu, irgendwie unwirtlich, die Dusche spuckt nur kaltes Wasser aus.
Ach ja, ich sollte hinzufügen. Wir sind heute bis Sao Roque, kurz vor der spanischen Grenze, nur lächerliche 16,8 km gegangen, mit den Steigungen hochgerechnete 19 km

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Die ersten Stunden hatten viel Flexibilität gefordert. Kaum betraten wir die historische, weil mittelalterliche Brücke von Ponte de Lima, schon begann es zu regnen. Also, Regencape aus dem Rucksack gezerrt, schnell übergeworfen.

Resultat: es hört auf zu regnen, es wird schwül. Dieses Spielchen erlebten Elke und ich so vier, fünfmal.
Die beiden jungen Frauen von gestern waren dagegen abgebrüht, sie ignorierten den Regen oder stellten sich unter. O-Ton: „Wir sind zu faul, die Capes herauszuholen. Wir warten ab, wird schon schiefgehen.“ + Diese beiden Pilgerinnen gingen ohne jegliches Kartenmaterial, ohne einen Pilgerführer.
Vorschau 5. Etappe, San Roque nach Tui (Spanien): 21 km
Die Internationale Brücke über den Rio Mino ist atemberaubend. Mir wird ein wenig schwindelig. Wir gönnen uns jetzt erst einmal ein Zimmer im Paradores, zu einem erschwinglichen Preis. Das muss einfach sein, wir haben es verdient.