1. Etappe + Porto Airport nach Arcos 15km + Wofür Wanderstöcke doch gut sein können

Ein ungewöhnlich anmutendes Foto. Ja, auch der Tod gehört zum Camino. Später mehr. + Mittwoch, 4. Mai 2011. 11Uhr30. Wir entsteigen dem Taxi, das uns nur einige Minuten zuvor von Sixt am Flughafen Porto nach Giao de Cima gebracht hat, froh, endlich starten zu können. + Die Sightseeingtage zuvor in Lissabon und Batalha hatten uns für die Geschichte dieses vormalig großen (Entdecker-) Landes sensibilisiert, näher gebracht: Padrao dos Descobrimentos (Seefahrerdenkmal) + Torre de Belem (Turm) + Grab Vasco da Gama in der Igreja de Santa Marias + Caselo de Sao Jorge (Burg). + Die Tage im weltberühmten Wallfahrtsort Fatima hingegen uns – religiös – gut eingestimmt. Elke, weiland eine überzeugte Lutheranerin, hatte erst ein wenig geschluckt, als sie die vielen auf den Knien rutschenden Pilger und Wallfahrer sah. Das war ihr bei unseren Lourdes-Besuchen so nicht begegnet.

Heute geht’s nur bis Arcos, knappe 15 km, von mir ganz bewusst so geplant als Einstieg. Die zuvor ausgewählte Unterkunft wird uns vollends zufrieden stellen: Quinta San Miguel, empfehlenswert, sogar mit einem Pool ausgestattet.

Der Inhaber wird uns später vom Todesfall seines Vaters berichten, so können wir die ansonsten tagsüber geschlossene Kirche betreten; im Seitenschiff wird der Tote betrauert. Der Wirt verspricht uns, morgen ein frühes Frühstück zu organisieren, sodass Christa, Elke und ich die Quinta rechtzeitig am Donnerstag verlassen können, wer weiß denn, wie heiß es morgen wird.

Soweit ist es aber noch nicht. Die Autos rasen an uns vorbei, unverantwortlich nah. Wir gehen zumeist auf Straßen, Fußgängerwege gibt es nicht durchgängig. Plötzlich erinnere ich mich an den Autor des Outdoor-Reisebegleiters, zücke meine Wanderstöcke, halte sie quer vor dem Körper, so circa 20-30 cm rechts von mir, und schon ändert sich die Situation, meistens jedenfalls.

Die rasenden Autofahrer, übrigens, sehr häufig Frauen, machen fortan einen Bogen um uns, fahren langsamer. Konsequent halte ich diese Methode durch.

In Vilarinho legen wir die erste Rast ein. Wie gesagt, ich hatte Elke versprochen, viele Pausen einzulegen. Ob ich es wohl durchgehalten habe? Wir werden sehen. Jetzt jedenfalls scheint sie lang genug gewesen zu sein für zwei Mineralwasser mit Kuchen. Außer den beiden Damen gesetzteren Alters, die ebenso wie wir die Gelegenheit der Örtlichkeit nutzen, wir werden sie später „überholen“, sind wir mutterseelenallein auf der Strecke.

Arcos ist ein Dorf, nichts los, gut also, dass es am Swimming Pool des Hostals Quinta San Miguel mehrere Liegen gibt. Wir sind um 14:30 Uhr die ersten, es dauert nicht lange, bis sich weitere vier Deutsche einfinden. + An dieser Stelle sollte ich einflechten: Harold aus Calgary war doch „tatsächlich überzeugt“, dass mindestens die Hälfte der deutschen Bevölkerung den Jakobsweg gehen müsse, so viele Deutsche seien seiner Meinung auf dem Camino anzutreffen: Ältere wie wir, nur wenige Junge darunter. +

Später in Santiago de Compostela werden wir allerdings feststellen, dass die Stadt eine große Anziehungskraft gerade auf junge Pilger (und Studenten) ausüben muss. Sie gingen offensichtlich den Camino Frances, was sie offizielle Pilgerstatistik letztlich bestätigt. Auf Hajo aus der Nähe Wolfsburgs, Christa aus Büsum, Irene und Harold aus Calgary werde ich in den Folgetagen zurückkommen.                                                                                                                            

Die beiden unterschiedlichen Freundinnen, die jüngere plantschte ausgiebig im Pool, die ältere hatte wahnsinnige Angst vor dem Wasser, werden wir später nicht mehr wiedersehen. Es sind Diplomatenwitwen, puristisch argumentierend, was den unbedingten Besuch der Herbergen anginge, Hotelaufenthalte widerspiegelten nicht den wahren Sinn des Jakobswegs, Esoterikerinnen zudem. Nun denn, so ganz stringent war ihre Diskussion nicht, sie nutzten wie wir das Hostal, nichts anderes denn ein Hotel. Wwas den eenen Uhl is den anderen sien Nachtigall. *)

Mit Christa kommen wir schnell zusammen, sitzen zusammen am Abendtisch, konsumieren gemeinsam eine Flasche Wein, verabreden uns, am nächsten Tag gemeinsam zu frühstücken. Wir wollen nicht bis 8:30 Uhr warten.

Vorschau 2. Pilgertag mit Christa aus Büsum

7Uhr40: Mittlerweile hat sich Christa eingefunden, sie hatte sich die Reise von einem Reisebüro ausarbeiten lassen, alle Unterkünfte sind vorgebucht. + Schon um 13:20h in Barcelos angekommen – ganz schön viel Zeit für 19 km. + Es war heiß, der Laufrhythmus musste sich erst finden. + Die Pause in Pedra Furada tat gut. Die sehr gut Englisch sprechende Wirtin der Snackbar ist eine Wucht. Sie kümmert sich, gibt Tipps für mögliche Übernachtungen, stempelt die Pilgerpässe.

Das abendliche Dinner in Barcelos, wir sitzen zusammen mit Hajo, Christa und einem Ehepaar aus Münster, ist ausgesprochen günstig. Für zweimal Fisch, drei Bier, Brot (das kostet immer extra) und Tipp zusammen nur 16 Euro. + Wir verabreden uns mit Christa für acht Uhr, wollen wieder gemeinsam gehen.

*) Was den eenen Uhl is den anderen sien Nachtigall. *)Das Sprichwort bedeutet: Was der eine als schlecht empfindet, kann für den anderen gut sein – Geschmäcker und Bewertungen sind unterschiedlich.

Die Redewendung stammt aus dem Niederdeutschen (Plattdeutsch). „Uhl“ steht für Eule, die traditionell als Unglücksbringer oder Symbol des Teufels gilt, während die Nachtigall als Singvogel für Schönheit, Glück und Liebe steht www.phraseo.de+1. + Die ursprüngliche Form lautet: „Wat den eenen sin Uhl is, is den annern sin Nachtigall“ und wurde unter anderem von Fritz Reuter in seinen Werken verwendet. Quelle: KI, 93.06.26