Die mittelalterliche Brücke von Puente la Reina ist eines der Wahrzeichen des Jakobswegs. Der eigentliche Startpunkt des Camino Frances. Dort möchten wir heute hin, dreiundzwanzig Kilometer. Ich bin zu früh aufgestanden, wecke Elke. „Oh, jetzt schon?“ „Ja.“ Frühstück gibt es erst um sieben, schade, es kostet nur zwei Euro.

Pamplona. Niemand ist auf den Straßen zu sehen. Es regnet `mal wieder, genießen gleichwohl die gestern gekauften köstlichen Kuchen, wirklich.
„Hast du deine Füße eingecremt?“ „Natürlich, wo denkst du hin.“ Jeden Morgen, jeden Nachmittag das gleiche Procedere. Ich werde später darauf zurückkommen. Neben dem DuMont habe ich einen zweiten Führer dabei, den von Outdoor. Er hat den Vorteil, dass er auf kleinere Abschnitte herunterbricht. Es ist nämlich kein leichter Weg.
Wir werden die Sierra del Perdon überschreiten, einen 1000 m hohen Berg, der als Klimascheide das nördlich grüne Vorgebirgs-Navarra von dem südlich trockenen Mittel-Navarra trennt. So weit, so gut. Auf den Matsch hätte ich allerdings gut und gerne verzichten können, ebenso auf den schwierigen Abstieg, der mehr einem Abwärtsstolpern glich.
Das Wetter schlägt halt um, da hilft auch kein Reiseführer; er mag bei sonnigem Wetter gegangen sein. Ständig geht es auf und ab, manchmal mit durchaus gefährlichen Passagen. Elke ist bedient. „Das ist doch abartig“, deklamiert sie. Ich hatte gestern meinen nicht so guten Tag. Nach rund drei Stunden nähert sich das Dorf Zariquiegui. Ab in die Pampa, in den Hang der Sierra, bei schönem Wetter traumhaft, bei Regen und Matsch mehr als bedenklich. Was soll es, wir müssen hoch, können ja nicht einfach umkehren, es ist steil, klammere mich ans Gebüsch, was auch nicht gerade dazu einlädt, weil nass und teils stachelig. Jeder Schritt muss passen, ausrutschen darfste nicht, sonst geht es den Berg runter. Vor mir, hinter mir mehr oder weniger leise fluchende Mitpilger. Endlich kommt das Pilgerkreuz, mit einer Bank, ringsherum aufgeschichtete Pilgersteine, Inschrift: Koks, Frans, Belgie; wie auch immer sie zu deuten ist.
Wer das elent bawen wel. 13. Jh., 11. Strophe:
Der andere haist der Monte Chistein, der Pfortenberk mag wol sein brouder sein, sie seint einander vast gleiche, und welcher bruoder darüber get, vordient das himmelreiche.
Langsam erklimmt Elke die Anhöhe, völlig in Gedanken versunken, ihre verdreckten Stiefel unterstreichen das Gesagte. Sie scheint erschöpft. Augenblicke darauf ist sie (top-)fit. Elke regeneriert schnell. Ich bin begeistert. Eine halbe Stunde später stehe ich mit ihr, es ist Mittag geworden, im Pulk von Mitpilgern auf dem Kamm, dem Puerto del Perdón, Tor der Vergebung. Das Denkmal zur Kapelle beachte ich – leider – nicht, wohl aber das moderne metallene Pilgerdenkmal. Etwa zehn Figuren werden es sein. Nahebei der Windpark Parque eólico mit gigantischen vierzig Windrädern. Der Blick ins Tal, auf die großflächigen Spargelanbaufelder, ist atemberaubend, ebenso der starke Wind. Der rund dreieinhalb Kilometer Abstieg macht mir arg zu schaffen: meine Knie wackeln; auf dem Geröll kein Wunder.
Arnold von Harff, 1499.
Von Guendulain nach Puente la Reina, einem Städtchen, drei Lieux einen Berg hoch und wieder hinab, über eine steinerne Brücke.
Muruzábal, eine Stunde vor Puenta la Reina. Was tun? Outdoor empfiehlt einen Umweg von drei Kilometern, um ein absolutes Muss des Camino zu besuchen, die Kirche Eunate. Ich gestehe, bin froh, dass Elke davon abrät. Kurz vor Obanos, will gerade zum Überholen ansetzen, da höre ich englische Stimmen. „Where are you from?“ „From Scotland.“ „Oh, therea lot of famous golf courses.“ „For sure, we like golfing.“ „Me too.“ Thats the way I like it.
Wer das elent bawen wel. 13. Jh., 7. Strophe:
So ziehen wir durch der armen Jecken lant, man gibt uns nichts dan apfeltrank, die berge mueßen wir steigen; gäb man uns öpfel und pirn gnuok, wir äßens für die feigen.
In Gares, baskisch für Puenta la Reina, empfängt uns das Pilgerdenkmal, das heute, wie schon erwähnt, den Beginn des Camino Frances markieren soll, denn eigentlich treffen die wichtigsten Jakobswege ja in Eunate oder spätestens in Obanos zusammen. Ich setze mich durch, marschiere schnurstracks zum Drei-Sterne Hotel Jakue, buche. Im Keller ist eine private Herberge mit achtundzwanzig Betten untergebracht. Ich verzichte wohlwollend.
Das Hotel ist seinen Preis wert, das Dinner teuer aber vorzüglich, die Rezeptionistin ausgesprochen hilfsbereit; eine singuläre Erfahrung. + Jahre später hatte sich das Hotel umgestellt auf Pilger, die aufgrund der jetzt ausgebauten Herbergsplätze einen großen Eßsaal vorfinden: das Publikum, obschon an sich Pilger, fordernd auftretend.
Die Puente la Reina durchquerende Calle Mayor ist mittelalterlichen Ursprungs, sehr eng, die Autofahrer stört es wenig. Uns auch nicht, genießen einen Cappuccino, telefonieren mit Gero, schreiben Karten: an meine Mutter, an Anne, an …
bewundern die viele Jahrhunderte alte sechsbogige Brücke der Königin ‐ Puente la Reina. Sie ist wohl die berühmteste, meist fotografierte des Jakobsweges.

Nebenan feiern Einheimische ein Straßenfest, junge Menschen tanzen auf dem großen Platz abseits der Hauptstraße. Faszinierend. Resultat: Die Kirchen sind mittlerweile geschlossen worden. So wie es im polnischen Tschenstochau die Schwarze Madonna gibt, so wird hier in der Iglesia Santiago el Mayor der Santiago Beltza aus dem 14. Jh. verehrt, der Schwarze Heilige. Die ehemalige Templerklosterkirche del Crucifijo (13./14. Jh.) bleibt uns versperrt. Schade. + Mehrere Jahre später werden wir – bei einem erneuten Besuch – die Kirchen betreten dürfen. Fotos unten.