Teresa von Avila. Die innere Burg

Teresa beschreibt ihren mystischen Weg zu Gott, zu Jesus Christus: von der 1. Wohnung hin zur Vollendung in der 7. Wohnung. Ein sehr schwieriger Text in der Übersetzung von Fritz Vogelsang aus 1966. Mir liegt die 1979er-Ausgabe vor. Teresa von Avila. Die innere Burge. Diogenes Verlag, Zürich. Teresa hat diesen Text auf Veranlassung eines Beichtvaters und zur Unterweisung der Klosterschwestern verfasst. Spanien hat sich schon sehr früh, abweichend von dem von ihr gewählten Buchtitel „Castillo interior – Die innere Burg“, mehrheitlich auf den Titel „Die Wohnungen – Las Moradas“ fokussiert.

Die Verzückung der Heiligen Teresa von Avila. Kirche Santa Maria della Vittoria, Rom. Giovanni Lorenzo Bernini, zwischen 1645 und 1652. Quelle: commons.wikimedia (29.06.24)

Teresa beschreibt diese Situation in ihrer Autobiographie: „Unmittelbar neben mir sah ich einen Engel in vollkommener körperlicher Gestalt. Der Engel war eher klein als groß, sehr schön, und sein Antlitz leuchtete in solchem Glanz, daß er zu jenen Engeln gehören mußte, die ganz vom Feuer göttlicher Liebe durchleuchtet sind; es müssen jene sein, die man Seraphe nennt. In der Hand des Engels sah ich einen langen goldenen Pfeil mit Feuer an der Spitze. Es schien mir, als stieße er ihn mehrmals in mein Herz, ich fühlte, wie das Eisen mein Innerstes durchdrang, und als er ihn herauszog, war mir, als nähme er mein Herz mit, und ich blieb erfüllt von flammender Liebe zu Gott. Der Schmerz war so stark, daß ich klagend aufschrie. Doch zugleich empfand ich eine so unendliche Süße, daß ich dem Schmerz ewige Dauer wünschte. Es war nicht körperlicher, sondern seelischer Schmerz, trotzdem er bis zu einem gewissen Grade auch auf den Körper gewirkt hat; süßeste Liebkosung, die der Seele von Gott werden kann. Quelle: Wikipedia, 29.06.24

Nichtwohlmeinende Betrachter und Kunsthistoriker vermuten natürlich allzu Weltliches (eingebettet in ihrer eigenen Denkwelt, Blase), nämlich eine hysterische Ohnmacht, erotisches Verlangen, Algolagnie (Wollust, Schmerz). Sie können sich halt absolut nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die eine übernatürliche Liebe zu Jesus Christus empfinden, und nicht an Sex.

Teresa de Jesus spricht immer wieder von der richtig verstandenen Demut – dem Herrn gegenüber. Keine Kriecherei. Demut nach Teresa ist nichts anderes als in der Wahrheit wandeln, sich am Willen Gottes ausrichten. Sie zielt auf das Gebet der Ruhe, in der Stille, egal ob die Gedanken abschweifen. Die Gnade Gottes wird helfen. Im folgenden zitiere ich Passagen des oben bezeichneten Buches, gebe zumeist die betreffende Buchseite an.

Zum Einstieg

Inneres Gebet ist nichts anderes, als verweilen beim Freund, mit dem wir oft allein zusammenkommen, einfach um bei ihm zu sein, weil wir sicher wissen, dass er uns liebt.“ (Leben 8,5)

Lasst uns die Augen auf Christus richten, wo wir die wahre Demut erfassen (…) dann wird unsere Selbsterkenntnis davor bewahrt werden, zur Kriecherei und Feigheit zu entarten“ (1. Wohnung 2,11)

Die erste Wohnung

Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbild. Wo Gott eine Wohnstatt hat. Die Seele, groß und schön; schwerlich mit Einsicht und Verstand zu begreifen. Teresa möchte dem Herrn nahe kommen. Worte allein vermögen es nicht auszudrücken. Teresa gelingt ein genialer Kunstgriff, indem sie die Schwestern ihres Konventes und die Leser bittet, mit ihr zusammen die Seele als eine Burg zu betrachten – mit vielen Wohnungen. Zitat S. 13, gerichtet an ihre Mitschwestern: „Ihr dürft euch nicht vorstellen, dass diese Wohnungen wie aufgereiht eine hinter der anderen liegen. Richtet vielmehr eure Augen auf die Mitte, die das Gemach und der Palast ist, wo der König weilt, und stellt die Burg euch vor wie eine Zwergpalme, bei der viele Hüllen das köstliche Herzblatt umschließen. So liegen dort rings um diesen Raum viele andere Gemächer, und ebenso darüber. Denn die Dinge der Seele muss man sich immer in Fülle und Weite und Größe denken …“

Das Gebet und die Andacht sind das Tor, durch das man die Burg betreten kann. Teresa meint das mündliche Gebet wie das im Geiste. Beide Gebetsformen bedürfen der Ehrfurcht und Andacht. Wenn man nicht darauf achtet, mit wem man redet und was man erbittet, wer der Bittsteller, wer der Angeflehte ist, das nennt sie kein Gebet, mag man dabei noch so viel die Lippen bewegen. Wer mit Gott nicht ehrfurchtsvoll spricht, daher schwatzt, was ihm in den Mund kommt und was er von früher auswendig weiß, so hält Teresa das für kein Gebet. Sie richtet sich nicht, wie sie es formuliert, an diese lahmen Seelen, die tief in der Welt stecken, es sei denn, der Herr selbst wird tätig und ruft diese lahmen Seelen. Teresa richtet sich an die Seelen, an die Menschen, die wachsam geworden sind, erkannt haben, dass ihr (unrechter) Weg sie nicht auf die Burgpforte hin führt.

S. 32: Lasst uns die Augen auf Christus richten, unser Heil, wo wir die wahre Demut erfassen, und lasst uns auf seine Heiligen schauen. S. 33: Ihr werdet gewahren, dass in diese erste Wochnung noch beinahe nichts von jenem Lichte dringt, das von dem Palast ausgeht, wo der König weilt (…) Der Raum ist hell, aber die Seele genießt es es nicht, weil dieses wilde Getier (sie meint böse Wesen) sie daran hindert. (…) So muss es wohl meines Erachtens einer Seele gehen, die zwar nicht nicht böse lebt, aber doch so tief in den Dingen der Welt steckt, sich so voll gesogen hat mit Besitz oder Ehre oder Geschäften, dass sie, obwohl sie wirklich den Wunsch hat, sich zu sehen und ihrer eigenen Schönheit sich zu erfreuen, der Umgarnung durch so viel Hinderliches anscheinend nicht entschlüpfen kann.“

Um in die zweite Wohnung zu gelangen zu können, sei es sehr wichtig, dass man sich bemühe, sich aller unnötigen Dinge und Gechäfte zu entledigen. Immer wieder bringt Teresa den Satan ins Gespräch. Auch die Priorin sei vor ihm nicht gefeit. So sei in jedem Fall zu prüfen, ob das Verlangen nach Buße, nach Bußübungen, echten Motiven Stand hält. Es bedürfe vieler Klugheit.

Die zweite Wohnung

S. 37 folgende. Welche Seelen sind es nun, die in die zweiten Wohnung kommen. Es geht um die diejenigen, die schon begonnen hätten, das Gebet zu üben, und die begriffen haben, wie wichtig es für sie sei, nicht in der ersten Wohnung zu verweilen. Sie hätten noch keine rechte Entschlußkraft, geben die Gelegenheiten zum Bösen noch nicht auf. Das sei gefährlich. Jedoch, „Gott, seine Majestät, ist geduldig genug, viele Tage und Jahre zu warten, besonders wenn er Beharrlichkeit und guten Willen sieht. Doch die Schlacht, welche die Dämonen uns hier mit tausenderlei Waffen liefern, ist entsetzlich und schmerzlicher für die Seele als alles zuvor; denn damals war sie stumme und taube, zumindest hörte sie wenig, leistete weniger Widerstand.“

S. 38.39. Hier würde die Vernunft überwiegen, die Geisteskräfte sind wendiger. „O Jesus, welchen Tumult erregen da die Dämonen, und welche Qual befällt die arme Seele, die nicht weiß, ob sie weitergehen oder in die erste Wohnung zurückweichen soll. Die Vernunft freilich deckt ihr die Täuschung auf und gibt ihr den Gedanken ein, dass all dies belanglos ist, verglichen mit dem, wonach sie strebt. Der Glaube lehrt sie, was ihre Pflicht ist. Das Gedächtnis macht ihr klar, wie all diese Dinge enden, indem es ihr den Tod solcher Menschen vor Augen führt…“ – Sodann ruft Teresa Gottes Hilfe an, die Hilfe des Herrn, die Hilfe Christus. Bemüht das Alte und Neue Testament, wenn sie schreibt: „Man glaube ja nicht, dass es zu Beginn irgendwelche Annehmlichkeiten gebe. (…) Baut man auf Sand, so wird alles einstürzen. (…) Denn hier sind noch nicht die Wohnungen, wo es Manna regnet. Die liegen weiter innen.“

Teresa gelingt es, ihren Schwestern und den Lesern, immer wieder Mut zuzusprechen nach dem Motto, verzagt nicht, auch wenn man fallen sollte, Gott hilft. Jesus habe seine Jünger zum Frieden ermahnt. So sollten auch die Schwestern endlich mit dem Streiten aufhören. Sie ruft zum sich Sammeln auf, mit Sanftheit, das fördere größere Beständigkeit. Der Herr werde alles zum Nutzen lenken. Anmerkungen: Ein starker Satz. „Wo ist Gott“?, fragte ein Jude seinen Mithäftling in Auschwitz. Der Angesprochene zeigt auf einen Mithäftling, der vorübergeht, vergast zu werden: „Da ist Gott“! Meine Hochachtung, wer diese Gottvertrauen spürt. Vor Jahre gehört von einem Rabbiner anläßlich einer Veranstaltung in einer Synagog.

S. 44. Zum Schluss entkräftet Teresa noch einmal, sie wiederholt sich ohnehin ganz bewußt, den möglichen Einwand mancher Schwestern, es wäre wohl besser gewesen, gar nicht erst versucht zu haben, in die Burg zu gelingen. „Ich sagte es euch schon am Anfang – und der Herr selber sagt es -, dass der, welcher sich in Gefahr begibt, darin umkommt und dass das Tor, durch welches man in die Burg eintritt, das Gebet ist. Der Gedanke, wir würden in den Himmel kommen, ohne in uns zu gehen, ohne uns selber zu erkennen, unser Elend zu bedenken, unsere Schuld vor Gott, und ohne ihn vielmals um Erbarmen zu bitten, ist töricht und widersinnig. Der Herr selber sagt: Niemand kommt zum Vater denn durch mich. Wer mich sieht, der sieht meinen Vater.“ Sie schließt mit dem Anspruch, „dass wir Werke schaffen müssen, um uns in seiner Herrlichkeit zu erfreuen, und dass es nötig ist zu beten, damit wir nicht immer in der Versuchung sind.“

Anmerkung: Heute herrscht – in Verkennung Jesu Worte – vielerorts bei Christen die Meinung vor, Katholiken inklusive, also auch und gerade bei Geistlichen und Theologen-Professoren, dass jeder Mensch in den Himmel käme, unabhängig von seinem Leben: Gott liebe ja jeden Menschen, und eine Hölle gäbe es sowieso nicht.

Ja, die Evangelien manifestieren mit aller Deutlichkeit, dass Gott die Liebe ist, gehen aber durchaus auf den Anspruch Jesu Christi ein, dass jeder Mensch ein gottgefälliges Leben führen solle. Nicht umsonst hat Jesus die Apostel mit der Vollmacht ausgestattet, Menschen ihre Sünden zu vergeben oder eben auch nicht. Dazu u.a. Johannes 20,23: „Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.“

Die dritte Wohnung

Zwischenbemerkung. Ich kann mir gut vorstellen, dass selbst der frömmste, wohlmeinenste Christ sich von Teresa überfordert fühlt, von ihren Ansprüchen. Ich denke, wie wir alle Jesu-Bergpredigt (Mt 5-7) nicht vollends gerecht werden können, sollten wir aber alles Erdenklichmögliche tun, ihm und seinen Seligpreisungen nahe zu kommen. Versuchen wir also, uns in Teresa hineinzuversetzen, nicht einfach die „Sache“ damit abtun, wir seien moderne Menschen, 500 Jahre später und überhaupt … Nein.

Teresa bringt auf S. 46 zum Ausdruck, dass sie alles nur unter Tränen und großen Verwirrungen schreibe, sie gehe davon aus, dass sie für Menschen schreibe, die sie an sich belehren könnten. Dennoch zu schreiben, sei ihr aber eine harte Gehorsamspflicht gewesen. Auf S. 49 fährt sie fort, ihre Mitschwestern sollten sich nicht in Sicherheit wähnen, weil sie immer von Gott redeten, sie ständig sich im Gebet übten, „so fern von den weltlichen Dingen lebt und sie – wie ihr meint – verschmäht. Das ist alles gut, doch es genügt nicht, um uns von der Angst zu befreien; und darum ruft euch oft diesen Vers in Erinnerung: >Beatus vir, qui timet Dominuim<“ – Selig, der Mensch, der den Herrn fürchtet.

S. 49. „Fordert nicht, was ihr nicht verdient habt; und es sollte uns nicht in den Sinn kommen, soviel wir auch dienen mögen, dass wir dessen jemals würdig sein könnten – wir, die wir Gott beleidigt haben. O Demut, Demut!“ Weiter im Text und sie spricht die Liebe zu Gott an: „Und diese Liebe darf nicht das Werk unserer Einblidung sein, sondern sie muss durch Taten erwiesen werden. Denkt aber nicht, dass der Herr unserer Werke bedarf; er braucht die Entschlossenheit unseres Willens.“

Fortsetzung Zweites Kapitel Dritte Wohnungfolgt.