Bemerkenswert offene Worte des emeritierten Erzbischofs von Wien, wenn er freimütig den Zerfall des in deutschen Priesterseminaren weiland gelehrten katholischen Glaubens mit dem 2. Vatikanischen Konzil verbindet + Andere Bischöfe, führende Ordensleute, Theologen und katholische Radiomacher mögen ihm offensichtlich (noch) nicht folgen, verweisen gerne auf die 68-Revolution. + FotoAusschnitt Kardinal Schönborn: Quelle s.u.
Der am 7. Mai 2026 von der CNA Deutsch Nachrichtenredaktion verbreitete Artikel hat es in sich. Er wird in katholischen Kleriker-Kreisen für Furore sorgen, hat sich doch mit dem emeritierten Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn OP erstmalig ein Theologe und Kardinal von Rang äußerst kritisch über die Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1962.65 geäußert – im Rahmen eines Interviews.

Kardinal Schönborn bei der Weihe des renovierten Papstkreuzes im Wiener Donaupark (2012)
FotoQuelle: commons.wikimedia (09-05-26), gemeinfrei
Stichworte + Zitate
„Da verliere ich den Glauben“
- Rückblick Studienzeit im Deutschland der 1960er Jahre:
- „da verliere ich den Glauben“.
- Aus einer seiner Predigten: „Lieber Helmut, wenn Du über die Zeit nach dem Konzil sprichst, habe ich manchmal das Gefühl, dass wir in zwei verschiedenen Kirchenwelten gelebt haben.
- Für Dich war die Zeit nach dem Konzil ein Aufbruch, der im Sprung gehemmt wurde.
- Ich habe diese Zeit als junger Dominikaner als einen dramatischen Abbruch erlebt.“
- Präzisierung: Beginn „bereits 1967 in Deutschland“, am Anfang des Theologiestudiums.
- Fassungslos erleben müssen, was da vertreten wurde – zum Teil fasziniert,
- und zum Teil auch den Boden unter den Füssen verlierend.“
Bultmann-Schule: Sache Jesu müsse weitergehen +
Entmythologisierung der neutestamentlichen Verkündigung
- Lehre in deutschem Priesterseminar:
- Beispiel: Die Rede von Jesus als Sohn Gottes:
- Man müsse das in den mythologischen Kontext der damaligen Zeit stellen.
- Oder die Auferstehung, also das mit dem leeren Grab:
- Das sei ja nicht entscheidend, vielmehr nur, dass die Sache Jesu weitergegangen sei.
- Das war die Bultmann*)-Schule, die da bei uns an der Uni in Köln massiv ausgebrochen war.“
- Radikale Infragestellung dessen, was ich als junger Christ, als begeisterter Ministrant in meiner Pfarrei und von meinem persönlichen Glaubensweg her mitgebracht hatte“
Weiterstudium in Frankreich
Unter Umgehung der Traufe direkt in die ….
- Ausweg: Nach Rücksprache mit seinen Ordensoberen Weiterstudium im Ausland:
- „Ich kann mit dieser Situation in Deutschland nicht leben,
- da verliere ich den Glauben“.
- Nach Frankreich voller Hoffnung –
- prompt in das Jahr 1968 – Der große Umbruch.
- „Ich habe erlebt, wie innerhalb von zwei oder drei Jahren praktisch alle Priesterseminare im Land geschlossen wurden.
- Es war radikal das, was ich in Deutschland bereits intellektuell mitbekommen hatte.
- In Frankreich habe ich es existenziell erlebt.“
Hilfe Theologie Prof. Joseph Ratzinger – späterer Papst Benedikt XVI.
- Krise: existenzielle und theologische Grundlagen meines Glaubens weggeschwommen.
- „Und dass ich sie – das sage ich ganz unverblümt –
- im Christsein eines Hans Küng*) zum Beispiel nicht mehr gefunden habe.“
- Bei Joseph Ratzinger hingegen, dem späteren Papst Benedikt XVI., habe er „gefunden,
- dass die Tradition und die Lebendigkeit der Gegenwart kein Widerspruch sind“.
*) Rudolf Bultmann (1884-1976). Als evangelischer Theologe betrieb er die Entmythologisierung der neutestamentlichen Verkündigung. Seine Auffassungen wurden von der Systematischen Theologie und der Philosophie aufgegriffen (Wikipedia, 09-05-26) + Sein Einfluss auf viele katholische Theologen kann man nur als verheerend bezeichnen. + Hans Küng (1928-2021): Schweizer Theologie-Professor und Priester; auf dem Konzil als Peritus Gegenpart von Kardinal Joseph Ratzinger. Gründer der Stiftung „Weltethos“.
Lösung. Freundeskreis in Paris
Kirchenväter + Yves Congar + Joseph Ratzinger + Hans Urs von Balthasar
Zitat: In Paris habe man im Rahmen eines kleinen Freundeskreises begonnen, sich „intensiv in die Kirchenväter zu stürzen – es war eine Disclosure, da hat sich eine Welt aufgetan. Wir fanden zu den großen theologischen Meistern: zu Henri de Lubac, zu Yves Congar, bei dem ich studiert habe und dessen persönlicher Krankenpfleger ich sogar eine Zeit lang war.
Etwas später entdeckten wir Joseph Ratzinger, die Lektüre von Hans Urs von Balthasar und viele andere – aber vor allem natürlich die Kirchenväter selbst. Es war die Entdeckung einer durchaus nicht traditionalistischen, sondern sehr vitalen, sehr lebendigen theologischen Welt, in der wir aufgeatmet haben.“
Deja vu in Fribourg, Schweiz
Später kam Schönborn nach Fribourg in der Schweiz, wo er zeitversetzt erneut das Phänomen des Abbruchs erlebte, das er 2023 in der Predigt ansprach: „Ich habe gedacht, das darf nicht wahr sein. Das haben wir doch vor zehn Jahren schon in Deutschland erlebt. Dann habe ich es vor einigen Jahren in Frankreich erlebt. Und jetzt kommt es in der Schweiz an, zeitverzögert.“
Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn, 2007.
FotoQuelle: commons.wikimedia (09-05-26), gemeinfrei
Schönborn lehrte ab Mitte der 1970er Jahre bis 1991 in Fribourg. Ende der 1980er und Anfang der 1990er war er Sekretär jener vatikanischen Kommission, die den Text des Katechismus der Katholischen Kirche ausarbeitete und zwar unter der Leitung von Kardinal Joseph Ratzinger. Schließlich wurde Schönborn 1991 Weihbischof für das Erzbistum Wien, 1995 Erzbischof von Wien und 1998 Kardinal. Papst Franziskus nahm Anfang 2025, pünktlich zum 80. Geburtstag, den Rücktritt von Kardinal Schönborn an.
