Nicht verklärend In der Retrospektive, nein, schon bei der konkreten Planung des Jakobsweges in 2005 war mir klar gewesen, das Cruz de Ferro muss zwingend dabei sein. Nicht en passant, nein als Highlight, Langzeitwirkung inklusive. Was tut man? Man bereitet sich vor; besorgt und studiert betreffende Literatur, macht es auf jeden Fall nicht so, wie nicht wenige Pilger, die achtlos am Kreuz, ob am Cruz de Ferro, ob am Kreuz hoch oben auf dem Plateau Matagrande Richtung Burgos, vorbeigehen, seine Bedeutung nicht realisieren. Jede Geschichte (außer beim Urknall) hat eine Vorgeschichte, in unserem Fall mindestens eine vorgeschaltete Etappe. Wir hatten Glück, vielleicht das der Tüchtigen. Lies` selbst.
- „Zunächst, wenn du aufbrechen willst, sollst du den Herrgott um seine Hilfe bitten, danach Maria, die Gnadenreiche, damit sie beide bereit sind, dich unbeschwert dorthin zu bringen, wo du Sankt Jakob mit Andacht finden mögest.“ + Hermann Künig von Vach, 1495
- „Dann singt ihr Lieder wie in der Nacht, in der man sich heiligt für das Fest. Ihr freut euch von Herzen wie die Pilger, die unter dem Klang ihrer Flöten zum Berg des Herrn, zu Israels Felsen, hinaufziehen.“ + Jesaja 30,29
In der Herberge San Javier von Astorga begegneten wir Söhnke,
der uns eine ruhige Nacht bescherte, indem er uns ein 12-Betten-Zimmer just für uns beide allein zuschanzte. Er mochte uns wohl. Nun, wir hatten uns auch für ihn interessiert, lauschten seinen tollen Geschichten. Von nichts kommt nichts, so heißt es doch, oder?
Noch Jahre später, bei der Abfassung unserer ersten Broschüre Westwärts nach Galicien – dem Schatten nach. Jakobspilger auf den Spuren vergangener Zeitzeugen – von den Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela spürte ich in mir dieses tiefe Gefühl von Dankbarkeit, darüber hinaus, zusammen mit Elke diesen für uns so besonderen Camino Frances gegangen zu sein, ihn durchlebt zu haben mit und in allen Tiefen und Höhen, zusammen mit Elke diesen für uns so besonderen Camino Frances gegangen zu sein, ihn durchlebt zu haben mit und in allen Tiefen und Höhen. + Unsere Gefühlswelt in Santiago de Compostela auf der Praza do Obradoiro, Westfassade, im Mai 2006, 12Uhr41, bringt dann alles noch einmal auf den Punkt. Später mehr.
Sorry, an sich bemitleide ich diejenigen Pilgerwanderer, die, und ich sehe mir interessehalber viele YouTube-Videos an, die meinen Eindruck verstärken, den Camino sportiv abreißen und gerne ihr Hauptschwergewicht auf das abendlich feuchtfröhliche Pilgermenü legen, kein Gotteshaus betreten, keinen Sinn haben für Kulturelles am Weg, gar nicht auf die Idee kommen resp. nicht reflektieren, dass sie einen christ-katholisch grundierten Pilgerweg begehen, mit einer langen Historie, die das heutige Spanien immer noch maßgeblich beeinflusst. + Dem aufmerksamen Leser wird auffallen, dass unsere Vorbereitung Zeit, Bücher resp. Bildbände gekostet haben muss.
Widmen wir uns der 25. und 26. Etappe
Von mir getitelt mit: Nadel und Faden. Wichtige Utensilien des Jakobsweges: von Astorga über Santa Catalina de Somoza, El Ganso nach Rabanal del Camino – 19 Kilometer + Sechsundzwanzig Kilometer Spirituelles, Meditatives, Nachdenkliches, Eindrucksvolles, Unvergessliches: von Rabanal del Camino über Foncebadon, Cruz de Ferro, Manjarin, El Acebo, Riege de Ambros nach Molinaseca, 26 Kilometer.
Etappe 25. Nadel und Faden: Wichtige Utensilien des Jakobswegs.
Von Astorga über Santa Catalina de Somoza, El Ganso nach Rabanal del Camino – 19 Kilometer
Zwei bemerkenswerte Tagesetappen liegen vor uns. Der Reihe nach. Der Tag beginnt mit einem ausgesprochen guten Frühstück in der Herberge. Wenn es nach mir ginge, wir wären schon längst weg. Es herrscht ein Gewusel am Buffet. Man kommt ins Gespräch, mit Heidrun aus Bremen, lässt den gestrigen Abend Revue passieren, der im Kreis mehrerer Mitpilger bei einem Glas Rotwein ausgeklungen war, mit einigen interessanten Geschichtenerzählern, unter anderen ein Radfahrer aus Freiburg, er sprach von zweitausendvierhundert zurückgelegten Kilometern. Hochachtung.
Astorga. San Javier am Vortag. Es wird ein schöner Tag. Der in Astorga erstandene Pilgerstab gibt endlich das richtige Feeling, wie geschaffen für die letzten Etappen. Fehlt nur noch die Kalebasse, die Trinkflasche aus Kürbis, und das Pilgergewand mit breitkrempigem Hut, die Muschel tragen wir bereits mit uns. Ein Radfahrer überholt uns. Er dreht sich um, ruft uns zu. Wer soll uns hier schon kennen? Meine Verblüffung legt sich. Tatsächlich, er hat uns wieder erkannt, es war auf dem Hinflug.
Ein Hannoveraner, und schon ist Elke hellwach. Sie kommt aus Hannover. + Monate zuvor, Elke hatte recherchiert, elektrisiert von dem Gedanken, den Jakobsweg zu gehen, überzeugte mich, den 110km langen Weg über die B 6 nach Hannover zu riskieren *): für eine tolle Jakobsweg-Ausstellung. Wir lesen, dass sich die frühen Pilger selbstverständlich nicht nicht nur von ihrer Familie, nein, auch förmlich von ihrem Pfarrer verabschiedet haben.
*) 110km-Weg über die B 6 nach Hannover: Jahre später werden wir regelmäßig nach Hannover fahren, sonntags zur St. Clemens-Basilika, um an der Heiligen Messe aller Zeiten (Misssa Tridentina + Alte Messe) teilnehmen zu können. Warum? Die hiesigen Messfeiern nach dem Neuen Ritus (seit 1968 nach dem Konzil von 1962.65) kann man sich teils nicht mehr antun. Dort steht nicht mehr Jesus Christus im Vordergrund, dort steht die Gemeinde, vielfach unter der Beeinflussung der liberalen Gemeindereferentinnen, im Vordergrund.
Zurück zum Camino. Die Enttäuschung steckt immer noch ein wenig in uns. Dem Pfarrer back home war es weiland gar nicht in den Sinn gekommen, uns zu segnen. Wir mussten ihn ausdrücklich bitten. + Papst Benedikt XVI. bringt es 2012 wie folgt zum Ausdruck:
- „Das Reisen ist Ausdruck unseres Seins als Viator *) auf dem ersehnten Ziel,
- während es zugleich einen anderen, tieferen und bedeutungsvolleren Weg widerspiegelt,
- den zu gehen wir berufen sind und der uns zur Begegnung mit Gott führt.“
Quelle: Papst Benedikt XVI. 2012: Botschaft zum Weltkongress für Tourismusseelsorge. Die Tagespoststiftung, 30.07.23. www.benedictusXVI.org. *) Viator: Wanderer, Reisender, Ausflügler; letztlich Pilger: Nam vita peregrinatio est et homo viator, peregrinus qui viam percurrit usque ad locum petitum. – Quelle: vatican.va
Zu einem anderen Thema. Die Realität holt uns ein. Elke sind die Blasen nicht nur sehr lästig, sie schmerzen arg. In El Ganso legen wir die erste Rast ein. Warum fällt mir jetzt bloß Oklahoma ein?
Ja, die Erde ist es, der eigenartig rötlich schimmernde Boden (she. Foto unten) erinnert mich an den Mittleren Westen, den Bible Belt Amerikas, Ausgangspunkt von John Steinbecks berühmten Roman Früchte des Zorns, 1940 eindrucksvoll von John Ford in Szene gesetzt mit Henry Fonda in der Hauptrolle des Oakie Tom Joad.
Exakt zwölf Monate zuvor hatte ich mir einen lang ersehnten Wunsch erfüllt, zusammen mit Gero, dem Zweitgeborenen, arbeitet derzeit in Budapest, die Route 66-Tour gemacht: von Chicago via Missouri, Kansas, Oklahoma bis nach Amarillo /Texas; dann war unser Konto Urlaubszeit erschöpft. Gero war es später vergönnt, weitere Bereiche der Route 66 Richtung LA abzugrasen; mir nicht.
Die Gedanken spazieren weiter, beziehungsweise zurück. In Catalina de Somoza, eine Stunde vom Rastplatz des Ortes, hat es mir der Glöckner der kleinen Ortskirche angetan. Alles scheint noch zu schlafen, nur er ist in Action, traktiert die Glocke; ich nehme, an mit einer Stange oder so. Auf jeden Fall, sie läutet. Warum eigentlich? Es ist doch erst zwanzig vor zehn.
Nun denn, es sind noch einige der insgesamt neunzehn Kilometer bis zum Ziel zu gehen. Die Intensität der Sonne nimmt zu.
Santa Catalina. Ein typisches Dorf des Landstrichs. Die einmal hier gelegene Pilgerhospital gibt es nicht mehr. Es leben keine 100 Menschen im Dorf. Die Pfarrkirche besitzt eine Reliqie von San Blas. (Anm.: Stand 2006)
Rabanal del Camino empfängt uns
in der Mittagszeit, die Sonne scheint erbarmungslos, sie wirft keinen Schatten. Rabanal del Camino ist komplett auf die Jakobspilger ausgerichtet, blicken verwundert auf den Bus (Foto unten). Die ehemalige Templerkirche wird von deutschen Benediktinern unterhalten. Zuhause werde ich mit einem Mönch in Emailkontakt treten. Die angeschlossene Herberge ist, wie sollte es sein, überfüllt.
Ich haste weiter. „Dort drüben ist noch ne` Herberge.“ Jetzt muss alles sehr schnell gehen, die Kräfte lassen nach, trotz der relativ frühen Zeit. Es ist immer das gleiche, am Zielort angekommen, will man sich nur noch hinhocken, die Beine hochlegen. Elkes Gebete zum Herrgott scheinen geholfen zu haben.
Die liebenswürdige Herbergsmutter Señora Isabel Rodríguez y su Equipo hilft, nimmt sich resolut ihrer Blasen an – mit Nadel und Faden bekämpft sie das Übel.
Und überhaupt, die Herberge ist klasse, nur fünf Euro für die Übernachtung, sauber dazu, ein Treffpunkt der Einheimischen. Ich mache die Wäsche, Elke hängt sie auf; ihr Steckenpferd — wie zu Hause: gut aufgehängt, halb gebügelt.
Rabanal del Camino. Schon Aimeric Picaud (Liber Sancti Jacobi) erwähnt im 12. Jahrhundert den Ort als Ende der 9. Etappe — lange Zeit wichtig wegen seiner Lage vor dem Übergang über den Monte Irago. Mehrere Hospize und Kirchen bezeugen dies. Rabanal erfuhr seine frühere mittelalterliche Bedeutung erst wieder mit der Renaissance der Wallfahrten im letzten Jahrhundert. Sowohl die Pilgerherberge San Gaucelmo der englischen Jakobsbruderschaft Confraternity of Saint James als auch die Benediktiner taten sich hervor; vor allem der von der deutschen Erzabtei Sankt Ottilien geförderte Neubau des Klosters Monte Irago in 2001. Heute gibt es im Ort mehrere Restaurants, Hostals und Refugios, privater und kirchlicher Prägung.
Täglich werden bis zu fünf Gottesdienste bzw. Stundengebete wie die Laudes als Morgenlob gehalten. Wir erlebten Vesper und Vigil, das Abend– und Nachgebet, gesungen in gregorianischer Liturgie. Man geht davon aus, dass auch hier, wie übrigens an vielen Stellen des Camino, der Ritterorden der Templer aktiv war.
Die Templer, gegründet 1119 Anno Domini von Hugo de Payens, hatten sich zum Ziel gesetzt, das Heilige Land vor den Muslimen zu schützen. Das schafften sie bis 1291. In der Schlacht von Akkon wurden sie schließlich von den Mamelucken vernichtend besiegt. Das Heilige Land war verloren, es gab keine Pilger mehr, die es zu schützen galt. 638 A.D. war Jerusalem das erste Mal erobert worden — von Muhammads Gefolgsmann Umar. Der fatimidische Kalif al-Hakim beließ es 1009 nicht mehr bei der nur den Christen auferlegten Religionssteuer: Die konstantinische Auferstehungskirche wurde zerstört, das Heilige Grab, damals eine komplett erhaltene Felsenhöhle, geschleift, dem Feuer ausgesetzt. In seinem Reich wurden in den Folgejahren 30.000 Kirchen enteignet, geplündert, die Christen aus den öffentlichen Ämtern gedrängt oder zur Annahme des Islam gezwungen. Papst Urban II. rief daraufhin 1095 zum gerechten Krieg auf, später als 1. Kreuzzug bekannt geworden.
Der inzwischen dem französischen König Philipp IV. dem Schönen zu groß gewordene Orden wurde an einem einzigen Freitag, dem 13. Oktober 1307 komplett zerschlagen (aus seiner Sicht ein Geniestreich), und 1312 von Papst Clemens V. verboten, einem Papst, der völlig vom König abhängig war. Den macht– und vor allem finanzpolitischen Vorteil, den sich der König damit verschafft hatte, konnte er selbst nicht mehr lange genießen. Wie der äußerst schwache Papst starb auch er im Jahre 1314. Die französische Polizei ging bei ihren Verhörmethoden äußerst brutal vor, ließ sich dabei von Denunziationen leiten, erpresste die Geständnisse mit brutaler Folter. Der letzte Hochmeister Jacques de Molay starb 1314 auf dem Scheiterhaufen. Historiker erkennen in dem von König Philipp IV. initiierten und überwachten Inquisitionsverfahren einen Vorläufer der politischen Schauprozesse des 20. Jahrhunderts.
Die klösterlichen Stundengebete sind Elke und mir nicht fremd, fahren ja schon seit Jahren nach Tettenweis ins Nonnenkloster zum Meditieren. Die Vesper ist für sieben, die Komplet für halb zehn angesetzt, Salve Regina inklusive.
Schade, dass der Pilgersegen nur in Spanisch erteilt wird. Neben mir schluchzt leise eine junge Spanierin, die Tränen kullern die Wangen hinunter. Welche Gedanken mögen wohl in ihr vorgehen? Sie ist uns schon in Astorga aufgefallen. + Rechtzeitig zu Beginn der Vesper ist die kleine Kirche gerammelt voll; einige stehen.
Das im Restaurant angebotene Tagesmenü entspricht nicht unseren Vorstellungen. So kehren wir schnurstracks zu „unserem“ Refugio zurück. Hier pulsiert das Leben — Treffpunkt der Einheimischen. Und günstig ist es überdies. Das Gespräch mit Christine aus der Bretagne erweist sich allerdings als nicht ganz einfach. Sie spricht kein Englisch. Gleichwohl: PilgerInnen verstehen sich ohne viele Worte. Elke gestikuliert mit Händen und Füßen; mir ist das zu anstrengend. Heute wird`s nicht spät. Ab in die Etagenbetten, morgen stehen respektable sechsundzwanzig Kilometer auf dem Programm – mit einem absoluten Highlight des Camino. Noch beschwingt von der Musik, per Zufall waren wir in ein kleines Fest Einheimischer geraten, fallen mir endlich die Augen zu.
Domenico Laffi, 1670/1673
Wir verließen Astorga und gingen nach Rabanal, 5 Leguas entfernt (…) Hier übernachteten wir am Fest des hl. Johannes des Täufers, setzten den Weg fort, den Berg hoch zu einem kleinen Dorf (Foncebadon), wo wir die Messe hielten. 5
Hermann Künig von Vach, 1495,
Hütte dich vor dem Rabenel. 1 *)
*) gemeint ist der Berg zum Eisenkreuz, das Cruz de Ferro 

Fotos aus 2006 von links: werden nach nochmaliger Prüfung nachgereicht
1. Reihe: Kirche Sta. Catalina de Somoza. + Elke und ich so gegen 10 Uhr völlig allein + Der erste Eindruck von Rabanal: Buspilger + Herberge. Refugio von Rabanal del Camino
2. Reihe: Templerkirche + Albergue del Pilar + Innenbereich der Herberge + Treffpunkt der Einheimischen. Elke hängt die von mir gewaschene Wäsche auf (Arbeitsteilung pur)
3. Reihe: Innenbereich der Refugio Nuestra Senora del Pilar + Einheimische und Pilger + Templerkirche
4. Reihe: Templerkirche innen (Fotos aus 2012) + Statue des Jakobus + Menükarte: für uns weiland in 2006 zu teuer + Einheimische beim Feiern
5. Reihe: Impressionen des Ortes + am nächsten Morgen sehr früh auf dem Weg zum Cruz de Ferro
26. Etappe. Sechsundzwanzig Kilometer Spirituelles, Meditatives, Nachdenkliches, Eindrucksvolles, Unvergessliches
Von Rabanal del Camino über Foncebadon, Cruz de Ferro, Manjarin, El Acebo, Riege de Ambros nach Molinaseca, 26 Kilometer
Schnell sind die Rucksäcke gepackt, die Wanderstiefel geschnürt, das tags zuvor aufgeladene Mobile in die Tasche gesteckt. Es ist dunkel. Na klar, ist ja auch erst viertel vor sechs. Klar auch, dass es um diese Uhrzeit kein Frühstück gibt. Keiner stört uns. Hoffentlich finden wir den Weg nach Molinaseca.
Elke schreitet voran, sie hat die besseren Augen, sie genießt die Stille, ich konzentriere mich auf den Weg — über die einsamen Montes de León.
Die Gedanken nehmen ihren Lauf. Elke erzählt mir von ihren Beweggründen, sie hat ihren Gott längst gefunden, sie will ihm danken. Ich gebe zu, mir schwirrt der Kopf: Gottsuche, Vernunft, Selbstfindung, 7-Jahres-Rhythmus. Ein tiefes Gefühl durchströmt mich, wie schön kann doch die Welt sein, wie schön Fauna wie Flora. Gut, dass keine Bergbahn hierauf führt. Zum ersten Mal in meinem Leben achte ich penibel darauf, nicht mal eine Ameise zu zertreten.
Man wird ja immer wieder gefragt, „Was hat dir eigentlich der Weg gebracht, bist du ein anderer Mensch geworden?“ + Ich weiß, diese beiden Stunden des Meditierens, der Gespräche mit Elke, auf dieser speziellen Etappe, weit und breit keine lärmenden Touristen, werden mir immer gegenwärtig bleiben. Danke.
Das Cruz de Ferro liegt in Sichtweite vor uns, nach zwei Stunden und 342 Höhenmetern auf 1504 m; für mich der Höhepunkt schlechthin.
Zu Hause werde ich meine Fotoshow mit der Musik von Emerson, Lake & Palmer unterlegen. Die Fanfare for the Common Man spiegelt exakt die Stimmung wider — punktgenau justiert. Ein Highlight. Mein Highlight.
Cruz de Ferro. Der höchste Punkt des Camino Frances. Nur der Somport-Pass in den Pyrenäen (Camino Aragones) ist höher. Man vermutet, dass hier ein mittelalterlicher Gutsherr einen seiner Grenzsteine gesetzt hat. Eine andere Variante berichtet von einer Schenkung König Alfons VI. im Jahre 1103 an einen Einsiedler namens Gaucelmo, der hier wohl sein Kreuz aufstellte. Es könnte auch möglich sein, dass bereits die Kelten den Platz für ihre Rituale genutzt haben. Heute bringt jeder Pilger sein Steinchen mit, von zu Hause, legt es auf den großen Haufen, eingedenk der Hoffnung, sich damit von irdischen Unzulänglichkeiten, von den Sorgen befreien zu können. Mittlerweile nutzen viele das Kreuz als Pinnwand für persönliche Dinge (Briefe), aber leider auch für Unschickliches. Auf jeden Fall ein mystischer, für die Kelten ein mythischer Ort.
Traumhaftes Wetter. Die Sonne scheint. Ich bin ein wenig vorgelaufen, schnell nehme ich das Steinchen, werfe es auf den Steinhaufen, es symbolisiert die auf dem Weg hinter sich gelassenen Sünden, vielleicht schon die erfahrene Läuterung?
Ich halte inne. Elke steht die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben. Sie ist eine willensstarke, mittlerweile gut trainierte Frau. Stehen minutenlang vor dem Kreuz, registrieren abwesend, gedankenverloren die dort abgelegten Gegenstände, manches Unnützes und Profanes ist darunter. Meditieren wein wenig.
Nach 45 Minuten zeigt sich Manjarin,
eine eigenwillige, dem Templerorden nachempfundene Albergue, mit vielen Hunden. Interessant ist der Eingang. Schilder zeigen die Richtung an, unter anderem nach Galicien 70 km, Santiago 222 km, Jerusalem 5000 km, Rom 2475 km. Ebenso zu entziffern die Orte Trondheim, Finisterre und Machupichu, eine alte Ruinenstadt der Inkas.
Ein sympathisches französisches Ehepaar spricht uns an, erzählt, dass die Besitzer für Kaffee und Kekse nur eine kleine Spende (Donation) erwarten. Beim Cruz de Ferro hatten sie uns nicht stören wollen.
Später werden wir sie in Molinaseca wieder treffen. Danach verlaufen sich die Wege.
Domenico Laffi, 1670/73
Wir gingen weiter den Berg hoch.
Hier wurden wir von einem fürchterlichen Sturm erwischt,
wir bangten um unser Leben.
Dem Regen und Wind folgte eine sehr heiße Sonne,
die schnell unsere Kleidung trocknen ließ.
El Azebo – 11:25h. Sind noch guter Dinge. Genehmigen uns in einer Bar einen Cafe con Leche, kommen mit einem Nordiren ins Gespräch. „Where are you from? Why are you here? You like the camino?” And so forth.
Wir verlassen den Ort, betrachten nachdenklich das Denkmal für einen vor Jahren hier an dieser Gabelung tödlich verunglückten deutschen Radfahrer.
Das berühmt-berüchtigte Foncebadon liegt schon lange hinter uns, hatten dort an sich mit einer Hundeattacke gerechnet. Enttäuschend, völlig öde und verlassen, einige Fensterklappen schepperten im Wind; die viel beschriebenen, angeblich so gefährlichen Hunde waren wohl ausgerückt. Jahre später *) lese ich, wie just eine Deutsche sich erfolgreich um die Wiedereröffnung der Herberge in Foncebadon eingesetzt hat.
Foncebadon. Im 12. Jahrhundert errichtete San Gaucelmo hier ein Hospital.
Paulo Coelho nutzte den dunklen Ort als Hintergrund für eine dunkle Szene seines Tagebuchs Auf dem Jakobsweg: “Ein starker Schmerz durchfuhr mein Bein, er hatte mir eine tiefe Fleischwunde gerissen. (…) Der Hund griff sofort wieder an.
Da stieß meine Hand an einen Stein. Ich packte ihn und schlug verzweifelt auf den Hund ein (…).” Viel schöner klingt es da an anderer Stelle: “Stelle dir vor, dass sich die Heiligen dir nähern, um ihre Hände auf deinen Kopf zu legen, und dir Liebe, Frieden und das Gefühl von Gemeinschaft mit der Welt wünschen.„
Wer das elent bawen wel, 13. Jh., Strophe 12
Der vierte haist der Rabanel (von Rabanal zum Cruz de Ferro),
darüber laufen die brueder und schwester gar schnell,
der fünfe hast in Alle Fabe (O Cebreiro), da leit vol manches bidemans
kint auß teutschem lant begraben
Es beginnt ein schwieriger Abschnitt des Weges. Ich bin sauer. Ständig überholen uns, wie sich später herausstellen wird, Buswanderer und Tagesausflügler: gut gelaunte, frische, ausgeruhte. Ab Riege de Ambros wird es heftig. Ein im wahrsten Sinn des Wortes original erhaltener mittelalterlicher Weg kommt uns in die Quere.
Der Verfasser des Reiseführers spricht euphemistisch von einer alten Maultierstraße mit ausgeschwemmter Pflasterung. Der Verfasser des Reiseführers spricht euphemistisch von einer alten Maultierstraße mit ausgeschwemmter Pflasterung. Was soll es, sie ist abschüssig, man muss sich höllisch konzentrieren, darf nicht stolpern, nicht ausrutschen. Bei Regen fast unmöglich zu begehen.
Die fröhlichen Buswanderer scheint es nicht zu stören. Na klar, wenn Mann / Frau keine zehn bzw. zwölf Kilo auf dem Rücken hat, lässt es sich gut leben und gehen. Sie wissen, unten an der Straße wartet ein Bus auf sie, Getränke inklusive. That`s life. Die Frustration hat sich aufgelöst. Scheinbar, wie sich später heraus stellt. Biegen nach links in den Ort hinein, Molinaseca. Alle Hotels sind belegt. Warum? Ich weiß es nicht. Irgendeine Veranstaltung, ein Fest.
Molinaseca. Gemeindeherberge San Roque, direkt an der Straße am Ortsausgang in Richtung Ponferrada.
Der Herbergschef zeigt Ankommenden die gerade aufgestellten Betten. Nun, es war alles ein wenig seltsam. Die Sanitäranlagen überholungsbedürftig. Uns hat es diesmal nicht gestört.
Hier soll im Jahr 2000 Kardinal Joseph Ratzinger, unser heutiger Papst Benedikt XVI., übernachtet haben.
Künig von Vach, 1495: (…)
und man gibt gern Wein und Brot in der Umgebung von Bonforat. In der Stadt liegt eine stattliche Burg. Dann hast du drei Meilen bis Kacafeloß, dann hast du fünf Meilen bis Willefrancken; dort trinke mit Verstand, weil er manchem sein Herz ausbrennt, daß er erlischt wie eine Kerze.
Foto aus 2012, im Gegensatz zu 2006 nichts los.
Heidrun aus Bremen und „ihr Spanier“ erzählen von der Herberge am Ortsrand der Stadt. Die Unruhe legt sich. Als letzte ergattern Elke und ich einen Schlafplatz. Glück gehabt. Andere, die später kommen, campieren draußen, nur geschützt vom Vordach, wie Siegfried und Christine aus der Bretagne (Foto oben).
Die abgestempelten Ausweise in der Hand folge ich Elke und den beiden nach oben in den komplett belegten Gemeinschaftsraum der Herberge, über vierzig Betten. + Das Refugium hat wenigstens einen kostenfreien Internetzugang, so konnte ich nachmittags mehrere Mails absenden. Ob sie wirklich so wichtig waren? Verwandtschaft Partei, Firma? Was mache ich bloß mit meiner Brille, wo lege ich sie ab? Guter Rat ist teuer.
Fast alle sind schon eingeschlafen, und dabei ist es noch keine zehn. Der Schnarcher von nebenan lässt mich nicht zur Ruhe kommen, meine Knie schmerzen, der Schlafsack ist plötzlich zu eng.
„Wollen wir nicht schon die Rucksäcke packen, für morgen? Wollen ja eh früh weg.“ Elke nickt. Sind ganz leise, keiner hört uns. Mit den Klamotten der Nacht in den neuen Tag hinein. That`s the way I (have to) like it.
Die nachfolgenden Fotos (28. Oktober 2022) hat mir freundlicherweise Karin Adams zur Verfügung gestellt, aufgenommen am 1. Oktober 2022 im Rahmen ihrer fast zweimonatigen Pilgertour quer durch Deutschland und Frankreich, über den Camino Frances nach Santiago de Compostela. + Sie werden später nach nochmaliger Prüfung nachgereicht.
Jetzt endlich sind wir angekommen,
… sind am Ziel, stehen auf der Praza do Obradoiro, Westfassade, 12 Uhr 41:
Vor uns die Kathedrale in voller Pracht, leicht überzogen mit grüner Patina. Ich drehe mich, schaue staunend, lasse die Kamera arbeiten, ringsum nur interessante Gebäude, wende mich Elke zu, nehme sie in den Arm, viel zu spät.
Sie hat Tränen in den Augen – vor Glück. Ich bin zu sehr mit dem Fotografieren beschäftigt gewesen. Jetzt fällt auch von mir alle Last ab.
„Meine kleine, tapfere, willensstarke Frau, du hast viel geleistet, obwohl: viel trainiert hatten wir gar nicht. Ich hab`s genau ausgerechnet: knapp vierundzwanzig Kilometer pro Etappe, zwischen dreizehn und fast vierzig jeden Tag gewandert, gepilgert. Du mit satten zehn Kilo auf dem Rücken, ich mit rund zwölf, auch zu viel, aber gemessen an meiner Größe nicht so dolle. Ich bin dir dankbar, dass du dich auf dieses Abenteuer, auf diese Strapazen eingelassen hast. Das war nicht einfach. Hitze, Berge, Matsch, Regen, Einsamkeit, überfüllte Herbergen, Erschöpfung pur, aber eben auch Freude, Genugtuung, Gottvertrauen – zusammen im Gleichschritt und Gleichklang. Das muss uns erst `mal einer nachmachen.“
Minuten später steigen wir die Stufen hinauf
fotografieren einander, Elke kann ihre Anspannung noch immer nicht verbergen, gelangen zum Portalbereich, durchschreiten den Portico de la Gloria, den Portikus der Herrlichkeit, ein Meisterwerk von Meister Mateo des 12. Jahrhunderts. Ich bin überwältigt, wirklich. Wir werden nicht gestört, werfen einen ersten Blick in das Gotteshaus, Elke verharrt minutenlang bei der Marienstatue („Was sie wohl denkt?“). Letztlich siegt die Vernunft, entscheiden uns einvernehmlich, die morgige Pilgermesse um zwölf Uhr zu besuchen. So haben wir Zeit, welch ein Wort!, überzeugen den Rezeptionisten des gegenüber liegenden Hotels, genauer gesagt des Paradores, uns ein rabattiertes Traumzimmer zu geben. Er macht es tatsächlich. Ich gebe zu, es verkörpert zu Recht den Anspruch der fünf Sterne. Wir genießen das Hotel mit jeder Faser.
Quellen / Verweise
Mittelalterliche Zeugen / Autoren
Arnold von Harff. Das Pilgerbuch des Ritters Arnold von Harff (1496‐1498). Helmut Brall‐Tuchel und Folker Reichert. Böhlau Verlag Köln Weimar Wien; 3. Auflage 2009.
Domenico Laffi. Aus: Der Jakobsweg. Ein Reiseführer für Pilger. Millan Bravo Lozano, 1998. Turespana.
Domenico Laffi. A Journey to the West; 1670‐73. Translated by James Hall. Xunta de Galica, 1997.
Liber Sancti Jacobi/Codex Calixtinus. Aus: Der Jakobsweg. Ein Pilgerführer aus dem 12. Jh.. Klaus Herbers. Reclam, 2008.
Hermann Künig von Vach. Aus: Die Strass zu Sankt Jakob (1495). Der älteste deutsche Pilgerführer nach Santiago.
Klaus Herbers und Robert Plötz. Jan Thorbecke Verlag, 2004.
Wer das elent bawen wel. Lied der Jakobspilger seit dem 13. Jh.. Aus: Website www.jakobus‐info.de.
Wander‐/Reiseführer / Hinweise
DuMon aktiv. Spanischer Jakobsweg. Dietrich Höllhuber. 4. Auflage 2006.
Outdoor. Spanien: Jakobsweg Camino Frances. Michael Kasper & Michael Moll. Conrad Stein Verlag. 10. Auflage.
Unser Reisebericht fasst die von uns beschriebenen Erlebnisse dreier Pilgerwanderungen der vergangenen Jahre zusammen. Sollten wir dabei die Rechte
genannter oder auch nicht genannter Autoren ungenügend gewürdigt und/oder berücksichtigt haben, erbitten wir schon jetzt Dispens.
Literatur
Julian Barrio Barrio. Erzbischof von Santiago. Pastoralbrief zum Heiligen Compostelanischen Jahr 2010. Deutsche Fassung: Bischöfliches Ordinariat der
Diözese Rottenburg‐Stuttgart.
Paulo Coelho. Auf dem Jakobsweg, 1986/87. Diogenes. Shirley MacLaine. Der Jakobsweg, 1994/2000. Goldmann.
Menschen auf diesem Weg. Gebet aus: Pray – Das Jugendgebetbuch. Veröffentlicht zum XX. Weltjugendtag Köln 2005.
Gebetstext Heil`ger Jakobus. Aus: www.jakobus‐weg.de. Text von Wolfgang Schneller, 1987.
Dietrich Höllhuber, Werner Schäfke. Der Spanische Jakobsweg. Dumont Kunst Reiseführer, 6. aktualisierte Auflage.
Jakobusfreunde Paderborn. www.jakobusfreunde‐paderborn.eu.
Norbert Ohler. Pilgerstab und Jakobsmuschel. Patmos. 2. Auflage 2003.
Pilgerurkunde. Deutsche Übersetzung der Compostela: www.santiago‐online.com.
Gebetstext Segnung der Pilger. Stiftskirche Roncesvalles. Aus: www.jakobus‐info.de.
