Camino de Santiago + Über 800 Kilometer von St.-Jean-Pied-de-Port in den Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela zum Grab des Apostels Jakobus
Prolog
Kurz nach der Jahrtausendwende. Raum C 4180, Sportturm Uni Bremen. Erschrocken drehe ich mich um, bin fast der einzige Mann unter lauter Frauen, will schon das Weite suchen. Zu spät, OStR Ingrid Davids erklimmt das Podium, kommt sofort zur Sache. Vaganten, PilgerInnen und Beginen im Mittelalter, so lautet der Untertitel ihrer Seminarreihe. Schnell schält sich heraus, die Frauen, despektierlich, wie ich nun einmal bin, nenne ich sie linke Emanzipierte, interessieren sich zumeist für die Beginen, die mittelalterlichen Frauengemeinschaften, ich mehr für die Bettelorden und religiösen Armutsbewegungen. Bin gespannt, was Frau Davids zum heiligen Franziskus sagen wird.

Das Aushalten hat sich gelohnt. Ich lerne, dass es zu den mittelalterlichen Pilgern durchaus Parallelen gibt, nämlich zu den damaligen Outsidern, den Vaganten (Fahrendes Volk) und Scholaren (Fahrende Schüler. Studenten. Kleriker): Leben als Wanderschaft — Subkultur des Pilgerns am Beispiel des Jakobsweges damals und heute.
Das Wort „Pilger“ leitet sich nicht von ungefähr vom lateinischen „peregrinus“ ab: die in der Fremde Seienden. Sie verweist auf das in den Seminarunterlagen befindliche Bildnis „Mittelalterliches Pilgerpaar“: Kupferstich von Lucas van Leyden.
Natürlich weiß ich von den drei großen Pilger– resp. Wallfahrtswegen Europas.
Der wichtigste führt nach Jerusalem zur Grabes-/Auferstehungskirche Jesu Christi: zu anstrengend, weil zu weit, außerdem zu gefährlich; die Flugreise 1990 tat`s auch.
Jerusalem 1990. Klagemauer. Wir hatten Glück, die Bombe der Terroristen hatte zwei Tage zuvor gezündet; jetzt war der Zugang nur noch mit Einlasskontrolle schwerbewaffneter Polizisten möglich.


Auf die Idee, zu Fuß nach Rom zu pilgern, in die Stadt der Apostelfürsten Petrus und Paulus, bin ich nicht gekommen. Auch dorthin ging es mit dem Flieger 1988 bequemer.
Eine phantastische Stadt, die Wiederholungen für uns geradezu zwangsläufig in 2010, 2015 und 2018 mit sich brachten.
Beispielfoto Petersdom, 2010. In 1988 konnte man den Dom noch direkt vom Petersplatz aus betreten, ohne Kontrolle, ohne lange Warteschlangen.
Jeder möge selbst beurteilen, wann das Sicherheitsempfinden im Westen. Stichwort 09-11-2001. Auf jeden Fall noch nicht wirklich zwingend nach dem Attentat auf Papst Johannes Paul II. am 13. Mai 1981, Gedenktag der Jungfrau Maria von Fatima, Portugal. + In 2011 Ziel im Rahmen unseres Caminho Portugues Central.
Aber der dritte Pilgerweg, der nach Santiago,
von dem hatte ich schon viel gelesen, zuletzt bei Paulo Coelho in seinem 1991 erschienenen Buch Die heiligen Geheimnisse eines Magiers; später dann umbenannt in Auf dem Jakobsweg — Tagebuch einer Pilgerreise nach Santiago de Compostela. Coelhos innerer Kampf mit seinem imaginären Begleiter, den er Petrus nennt, faszinierte mich. Der brasilianische Autor, wer kennt nicht seinen berühmten Roman Der Alchimist, bezwang 1986 den Camino de Frances. Siebenhundert Kilometer, als es noch nicht en vogue war, prominenten Vorturnern zu folgen.
Coelho war auf der Suche nach Spiritualität. Er wollte den Geheimnissen der Welt, den mysteriösen Wegen auf die Spur kommen. Erfolgreich. Sein Meister überreichte ihm nicht nur am Schluss der Reise das begehrte Schwert, er lehrte ihn auch das Ritual der Agape, der bedingungslosen Liebe.
Seiner profanen Zusammenfassung: „Es ist wichtig, für seine Träume ein paar Kämpfe durchzustehen, nicht als Opfer, sondern als Abenteurer,“ 11 fühle ich mich ebenso verbunden wie den Worten des Erzbischofs Julian Barrio Barrio von Santiago, der den Camino wie folgt begreift: „Der Weg, verstanden als Übergang von einem Ort zum anderen oder als ein Prozess von einer Situation zur nächsten, ist eingeschrieben in den genetischen Kodex des ganzen Menschen. Der Weg zeigt sich als Lebensnotwendigkeit.“ 10
- Ein lang gehegter Traum beginnt konkret zu werden, wird schließlich wahr.
- Pilgern im Geist und in der Wahrheit.
Gedankenverloren nehme ich neben Elke Platz; vor mir, hinter mir, alles Pilger, die Kleidung verrät es. Jedoch: Kein vertrautes Gesicht vom Camino mehr dabei – alles Windhauch. Die profane Wirklichkeit fängt uns ein, denken an das Ankommen daheim. „Hoffentlich sind die Blumen nicht vertrocknet.“ „Nein, ist doch alles geregelt.“ Gegenüber, auf der anderen Gangseite, lässt sich die Frau aus Paderborn in den Sitz fallen. Noch vor wenigen Minuten hatte sie uns beim Einchecken auf dem Airport die Zeit vertrieben und von ihren spirituellen Erlebnissen erzählt.
Ich wende mich Elke zu. Rasch sind wir uns einig. Das wird nicht unsere letzte Jakobspilgertour gewesen sein. Über diesen Gedanken hinweg nickt Elke ein. Der Flieger startet endlich, schließe die Augen, die Synapsen interagieren: Ankunft in Santiago, vor drei Tagen am Dienstag, im Mai 2006, Praza de Obradoiro, Westfassade, 12 Uhr 41:
Vor uns die Kathedrale in voller Pracht, leicht überzogen mit grüner Patina. Ich drehe mich, schaue staunend, lasse die Kamera arbeiten, ringsum nur interessante Gebäude, wende mich Elke zu, nehme sie in in den Arm, viel zu spät; bemerke allmählich, dass sie weint — vor Glück. Jetzt fällt auch von mir alle Last ab. Meine kleine, tapfere, willensstarke Frau, du hast viel geleistet.
Minuten später steigen wir die Treppe hinauf, durchschreiten den Portico de la Gloria, die Vorhalle der Herrlichkeit, mit der überragenden Christus-Figur, werfen einen ersten Blick in das Gotteshaus, die 12Uhr-Messe ist noch im Gange, stecken eine Kerze an.

„Wach auf, wir landen gleich.“ Schade, ich hätte so gerne weiter geträumt. Man kann es nicht anders ausdrücken. Wir sind infiziert. Vom Camino Frances.
Quellen / Verweise
Mittelalterliche Zeugen / Autoren
Arnold von Harff. Das Pilgerbuch des Ritters Arnold von Harff (1496‐1498). Helmut Brall‐Tuchel und Folker Reichert. Böhlau Verlag Köln Weimar Wien; 3. Auflage 2009.
Domenico Laffi. Aus: Der Jakobsweg. Ein Reiseführer für Pilger. Millan Bravo Lozano, 1998. Turespana.
Domenico Laffi. A Journey to the West; 1670‐73. Translated by James Hall. Xunta de Galica, 1997.
Liber Sancti Jacobi/Codex Calixtinus. Aus: Der Jakobsweg. Ein Pilgerführer aus dem 12. Jh.. Klaus Herbers. Reclam, 2008.
Hermann Künig von Vach. Aus: Die Strass zu Sankt Jakob (1495). Der älteste deutsche Pilgerführer nach Santiago.
Klaus Herbers und Robert Plötz. Jan Thorbecke Verlag, 2004.
Wer das elent bawen wel. Lied der Jakobspilger seit dem 13. Jh.. Aus: Website www.jakobus‐info.de.
Wander‐/Reiseführer / Hinweise
DuMon aktiv. Spanischer Jakobsweg. Dietrich Höllhuber. 4. Auflage 2006.
Outdoor. Spanien: Jakobsweg Camino Frances. Michael Kasper & Michael Moll. Conrad Stein Verlag. 10. Auflage.
Unser Reisebericht fasst die von uns beschriebenen Erlebnisse dreier Pilgerwanderungen der vergangenen Jahre zusammen. Sollten wir dabei die Rechte
genannter oder auch nicht genannter Autoren ungenügend gewürdigt und/oder berücksichtigt haben, erbitten wir schon jetzt Dispens.
Literatur
Julian Barrio Barrio. Erzbischof von Santiago. Pastoralbrief zum Heiligen Compostelanischen Jahr 2010. Deutsche Fassung: Bischöfliches Ordinariat der
Diözese Rottenburg‐Stuttgart.
Paulo Coelho. Auf dem Jakobsweg, 1986/87. Diogenes. Shirley MacLaine. Der Jakobsweg, 1994/2000. Goldmann.
Menschen auf diesem Weg. Gebet aus: Pray – Das Jugendgebetbuch. Veröffentlicht zum XX. Weltjugendtag Köln 2005.
Gebetstext Heil`ger Jakobus. Aus: www.jakobus‐weg.de. Text von Wolfgang Schneller, 1987.
Dietrich Höllhuber, Werner Schäfke. Der Spanische Jakobsweg. Dumont Kunst Reiseführer, 6. aktualisierte Auflage.
Jakobusfreunde Paderborn. www.jakobusfreunde‐paderborn.eu.
Norbert Ohler. Pilgerstab und Jakobsmuschel. Patmos. 2. Auflage 2003.
Pilgerurkunde. Deutsche Übersetzung der Compostela: www.santiago‐online.com.
Gebetstext Segnung der Pilger. Stiftskirche Roncesvalles. Aus: www.jakobus‐info.de.