Autonome Gemeinschaft Galicien (galicisch Galiza): Geschichte + Informationen für die Pilger + O Cebreiro

Entscheidung in Triacastela: San Xil oder Kloster Samos? + Der Name geht auf ein kelto-iberisches Volk des Altertums zurück, den Galläkern, lateinisch Callaici/Gallaea. + Eine typische, grüne Bergregion, durchschnittlich 400 Meter hoch, den schottischen oder irischen Highlands ähnlich. + Der typische Jakobspilger wird, wenn er nicht bis Finistera weiterpilgert, wenig von Galiciens Küsten sehen, die eine Gesamtlänge von knapp 1.700 Kilometer aufweisen, davon über 800 Kilometer Steilküste. + Fjordähnliche Flussmündungen, die sog. Rias, werden als charakteristisch bezeichnet. + Charakteristisch auch die nicht seltenen wilden Pferde. Für viele Galicier stellt das Wildpferd die Verbindung zwischen Gott und dem Menschen dar. Alljährlich findet – wie vor zweitausend Jahren – eine Treibjagd statt. Nach der Markierung werden die Pferde wieder ihrer Bergwelt überlassen.

  • Galicien. Wappen der Gemeinschaft. Bitte anklicken

Galicien ist eine Autonome Gemeinschaft Spaniens. Hauptstadt: Santiago de Compostela.

Seit 1981 ist Galicisch neben Spanisch offizielle Amtssprache. Unter Julius Caesar wurde die Region 60 vor Chr. römische Provinz. Im 5. Jahrhundert nach Christus ließen sich dort die germanischen Sueben nieder. Im Jahre 585 verwüsteten die Westgoten das Land. Eine flächendeckende Christianisierung erfolgte erst im 6. Jahrhundert.

Die Menschen sind außergewöhnlich heimatverbunden, aufgrund ihrer räumlichen Nähe mehr den Portugiesen denn dem übrigen Spanien verbunden. Zitat eines jungen Mannes in einer 3Sat-TV-Sendung in 2015: „Meine künftige Frau aus Andalusien müsste schon zu mir nach Galicien ziehen, in die Nähe der Eltern, der Verwandtschaft.“

An den galicischen Stränden werden 80-90% des weltweiten Mies-Muschelumsatzes erbracht, zumeist von den Frauen geerntet.

Der mehr als eintausend Jahre alte Dudelsack (Sackpfeife), eine Verwandtschaft mit dem des schottischen ist nicht zu leugnen, zählt zu den wichtigsten Musikinstrumenten. Die schottische Variante töne laut, ursprünglich für den Kriegseinsatz geschaffen, während der galicische dezent und sauber klinge. Carlos Núñez, der ’neue König der Kelten‘, und sein Bruder sind derzeit die Protagonisten dieser Musikrichtung schlechthin. Neben dem Dudelsack spielt Carlos N. unter anderem die Drehleier. Ein Riesenexemplar stünde in der Kathedrale von Santiago. Dreißigtausend Galicier nennen den Dudelsack ihr Eigen, der immerhin bis zu neuntausend Euro kostet.  Die Brüder schwärmten vom Mittelalter, von der Tradition. Der Galicier lebe quasi das Mittelalter, in einem ewigen Mysterium, mit geheimnisvollen Mythen der Vorfahren wie Geister, Hexen und Zauberei.

Geprägt vom Ende der Welt, vom Kap Finisterre, so nannten es schon die Römer, abgeleitet vom lateinischen finis terrae. Hier steht der letzte Markierungsstein des Camino de Santiago resp. in dessen Fortsetzung der Camino a Fisterra, nahe der Steilküste, der Todesküste, der Costa da Morte/Costa de la Muerte mit seinen vielen Schiffsunglücken – noch heute. So gibt der Galicier ungern ein „ja“ oder ein “nein“ preis; er bevorzugt das „kann sein.“

Grenzstein Kastilien-Leon und Galicien

Kurz vor dem berühmten Bergdorf O Cebreiro. Jetzt sind es nur noch sieben Etappen mit 156 km lt. Pilgerführer Dietrich Höllhuber, Dumont aktiv.

Der heilige Jakobus lässt jährlich ungefähr fünfhunderttausend Touristen und mehr nach Galicien strömen, zumeist auf ihrem Weg in die Provinzhauptstadt Santiago de Compostela. Die größte Stadt der Region ist jedoch Lugo mit 300.000 Einwohnern von insgesamt rund 2,8 Mio. In der Hafenstadt La Coruna steht der älteste noch im Gebrauch befindliche Leuchtturm, der Herkulesturm / Torre de Hercules aus dem 2. Jahrhundert.

Informatives für den Pilger

Der aufmerksame Jakobspilger wird kurz nach Verlassen des Ortes La Laguna den Grenzstein auf dem Weg nach O Cebreiro bemerken; froh, dass er den beschwerlichen Weg von La Faba bis hierher geschafft hat.

O-Ton Christoph Gunzinger in 1654: Er windet sich in langen Schlingen am Hang den steinigen Berg hinauf, um dann bis zum Kloster (Cebreiro) wieder etwas angenehmer zu verlaufen.

Quelle: Peregrinato Compostellana von Peter Lindenthal.

Er wird den Alto de Poio passieren, weiter gehen nach Triacastela, Sarria, Morgade, Portomarin, Airexe, Palas de Rei, Furelos, Melide, Arzua, Pedrouzo-Arca, Lavacolla, um schlussendlich auf dem Monte de Gozo das ersehnte Ziel, die Kathedrale von Santiago de Compostela, vor Augen zu haben. Einhundertsechsundfünfzig Kilometer. 

An dieser Stelle ungewöhnlich ein Hinweis auf das Essen

Warum? Die galicischen Empanadas waren nachweislich schon den mittelalterlichen Pilgern des 10. Jahrhunderts geläufig. Eines der ältesten Zeugnisse ist eine Reliefdarstellung am Portico de la Gloria der Kathedrale in Santiago aus dem 12. Jahrhundert. Heute sind die Empanadas in ganz Spanien und Süd-Amerika bekannt. Sie werden normalerweise in den Bäckereien verkauft. Eine einfache Mahlzeit aus Hefeteig mit einer Füllung aus Paprika, Tintenfisch, Stockfisch, Thunfisch, Meeresfrüchten, et ecetera.

Eine tolle Seite mit vielen Informationen, beschränkt jeweils auf den galicischen Teil des Caminos: Natur. Kultur. Community. Reiseführer. Sehenswürdigkeiten. (Stand 2022)

Bergdorf O Cebreiro auf 1300 Meter ü. M.

Auch die Katholischen Könige Isabella und Ferdinand besuchten 1486 den Ort, Wasserscheide zwischen dem Atlantischen Ozean und dem Kantabrischen Meer, um den Kelch, von dem das Hostienwunder erzählt, zu sehen. Pfarrer Christoph Gunzinger aus Wiener Neustadt geht in seinem Reisebericht des Jahres 1654 gleichermaßen darauf ein. Für ihn war die glaubwürdige Geschichte über 500 Jahre alt. Er will auch noch die kristallenen Ampullen und den altfränkischen Kelch aus nächster Nähe mit Erstaunen besichtigt haben.

Jahrhunderte lang unterhielten die Mönche von Cluny (Frankreich) hier ein Hospiz, neben der Kirche aus dem 9. Jahrhundert. Das Gnadenbild der Santa la Maria Real (Heilige Jungfrau vom Cebreiro) aus dem 12. Jahrhundert (leider kein Foto verfügbar), 1971 restauriert,  ist alljährliches Ziel der Wallfahrt am 8. September, durchaus mit bis zu 30.000 Personen. 

Palloza. Uralte, runde, elliptische Steinbauten. 

Sie vermitteln einen interessanten Einblick in die Lebenswelt der Menschen von vor dreitausend Jahren: strohgedeckt, fenster- und und kaminlos (Rauchabzug durch das Strohdach); 1/3 Stall und Scheune, 2/3 Wohnbereich, den sich laut Wikipedia bis zu vier Generationen teilten

Von O Cebreiro hat man bei gutem Wetter einen phantastischen Blick hinunter nach Galicen.

Der verhangene Himmel ließ uns rasch an diesem frühen Morgen vom unwirtlichen Ort davon eilen, weg vom Weg, runter auf die Straße.

Für den mittelalterlichen Pilger mag es ein Blick wie ins gelobte Land gewesen sein. Wie die Kathedrale von Compostell, die Stadt auf dem Berg: Symbol des himmlischen Jerusalems. Nach monatelanger Wanderschaft durch die Sümpfe des Landes, die Gebirge der Pyrenäen und die Dürregebiete von Kastilien und Leon Galicien erreicht zu haben. Ein Wunder, und nur noch wenige Kilometer bis zum ersehnten Ziel. Viele Pilger siedelten sich in Galicien an mit den sanften Bergzügen, dem Regenreichtum, den Wäldern und grünen Tälern, der malerischen und buchtenreichen Meeresküste. Die Bauern können Obstbau und Viehzucht betreiben, der Wein wird schon im Mittelalter gerühmt.

Liber Sancti Jacobi, 12. Jh.:

Vom Cisapass bis nach Santiago verbleiben 13 Etappen (…). Die neunte von Leon bis Rabanal, die zehnte bis nach Villfranca, nachdem man den Monte Irago überquert hat. Die elfte nach Triacastela über den Cebreopass; die zwölfte reicht von Triacastela nach Palas el Rey; die dreizehnte bis nach Santiago ist kurz. (3)

Fotos: O Cebreiro empfängt uns regnerisch. Bitte die dunklen Fotos anklicken. Sie zeigen den Wohn- und Schlafbereich der Pallozas, strohgedeckte Rundhütten. Der Ortseingangsstein geht auf die Pilgergeschichte ein.

Entscheidung in Triacastela. Kloster Samos oder San Xil

Bevor der Pilger Triacastela verläßt, muß er sich entscheiden: die nördliche oder südliche Route nehmen? Über San Xil, die historische und beschwerlichere Route, oder den Umweg über Samos wagen, das Benediktiner-Kloster besichtigen, 7,2 Kilometer mehr.

  • Kloster Mosteiro de San Xulian de Samos. Fotoquelle. Bitte anklicken

Wir hatten uns seinerzeit gegen Samos entschieden. Richter Gnadenlos und Bunter Vogel, so nannten wir – wirklich liebevoll – unsere Mitpilger, beglückwünschten uns später zu dieser Entscheidung. Warum? Das Kloster war geschlossen.

Die Strecke nach Samos weist Passagen entlang der LU-633 auf, die gefährlich sind. Die San-Xil-Route, vgl. auch unsere Etappe 30, weist einen steilen Aufstieg zum Alto do Ricabo auf, bietet aber eine herrliche Aussicht.

Das Kloster von Samos ist eines der ältesten und größten Spaniens, zieht Scharen von Touristen an, gut ablesbar am höheren Verkehrsaufkommen und damit einhergehend die vielen neuen Herbergen und Hotels.

Anton Pombo beschreibt in seinem Beitrag für gronze.com vom 14. März 2023 die Vor- und Nachteile aus seiner Sicht, läßt dabei auch Elías Valiña, den großen Förderer des Caminos, zu Wort kommen. Selbiger hatte 1986 für die San-Xil-Variante ausgesprochen, weil sie den Pilgergeist besser repräsentiere. Letztlich wird sich jeder Pilger sein eigenes Urteil bilden müssen. Wie bilden? Man dürfte ja kaum beide Strecken gehen wollen.

Wahrscheinlich nur durch ein intensives Studium guter Pilgerführer und/oder Webseiten oder und eben mittels dieses Artikels: