7. Etappe von Estella nach Los Arcos: 21 Kilometer. Triumph von Wille und Wollen über Vorstellung

Camino de Logroño, so heißt die Straße, auf der die Pilger Estella verlassen, voller Vorfreude auf das Erreichen des Klosters Irache/Iraxe, keine halbe Stunde entfernt. Wie wird der Wein schmecken, billiger Hauswein gar? Auf jeden Fall dürfen sie nicht allzu lange dort verweilen, keinen Becher zu viel trinken. Los Arcos will heute erreicht sein, und das sind immerhin noch einundzwanzig Kilometer; sollte an sich gut zu schaffen sein.

Triumph von Wille und Wollen über Vorstellung

Bitte nicht verwechseln mit Arthur Schopenhauers (1788-1860) Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung.“ Ich spreche von meinem Willen, Arthur Schopenhauer hingegen von dem der Welt als Ding an sich. Gleichwohl hat mich der große Philosoph des 19. Jahrhunderts animiert: eine gute Metapher für die Beschreibung unseres Jakobsweges. Es war schon so, dass sich die Vorstellungen letztlich nicht immer deckten mit der Realität der Anstrengungen, ob physischer oder psychischer Art, die sich letztlich einander bedingen. Wille und Wollen obsiegten.

Rückblende: Insgeheimen hatte ich es ja erhofft. Ich kenne meine Elke seit über 20 Jahren, immer ein wenig impulsiv. Überrascht hat`s mich dennoch, als sie mir morgens unvermittelt zuflüsterte: „Du, ich möchte weitermachen. Komm, lasst uns weiterlaufen.“ „Na klar, darauf habe ich doch nur gewartet.“ Was war ich froh.

Im Nachhinein denke ich, der gestrige Gottesdienst war es, der sie beeinflusst hat. Ein engagierter, sprachbegabter Pfarrer hatte — nach Beendigung der offiziellen Messfeier — alle Pilger zu sich gebeten. Mindestens 20 Pilger folgten seiner Einladung, strebten nach vorne, jeder bekam den Wortlaut des Pilgersegens in seiner Sprache ausgehändigt: u. a. für Amerikaner, Australier, Holländer, Koreaner, Deutsche, Franzosen, Italiener.

Beispieltext Pilgersegen.

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Blick auf Ayegui und das Monasterio de Santa Maria la Real de Irache. Kurz hinter Estella.

Eines der ältesten Klöster Navarras. Die heutige Kirche stammt aus dem späten 12. Jahrhundert. Noch vor der Gründung Estellas wurde hier ein Bollwerk der Reconquista etabliert. So ist es auch nicht verwunderlich, dass an der Nordseite des Chors ein Kapitell den Kampf Rolands mit dem muslimischen Riesen Ferragut zeigt, wie in Estellas Palast der Könige. Die zahlreichen Pilger schätzen das Kloster.

Unten Foto mit dem berühmten Weinbrunnen.

Nachtrag 22. Mai 2021. Bayern Star aus Ayegui. „Ein Kind aus Ayegui, einem kleinen Dorf in Spanien, hat sich seinen Traum erfüllt“, sagt Javi Martinez heute. Der Bayernspieler, mehrfacher spanischer Nationalspieler, spielte am 22. Mai `21 sein letztes Match für Bayern. Mit 23 Jahren war er im Sommer 2012 von Jupp Heynckes von Athletico Bilbao nach München geholt worden. Seine Mutter wünscht sich sehr, mit ihm den Jakobsweg zu gehen, so der „Welt“-Artikel vom 22. Mai 2021. Die Münchner Allianz-Arena ist für den Weltpokalsieger das schönste Stadion der Welt – natürlich nach dem Javi-Martinez-Stadion von Ayegui.

Weinkellerei Irache. Kostenloser Rotwein aus dem Pilgerbrunnen.

Der Becher Rotwein kann kommen. Der Weinbrunnen gehört der Weinkellerei Irache. Auch hier gilt, wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Nach siebzig Litern ist nämlich — neudeutsch — Schicht im Schacht.

Was nun folgt, sorry, es ist wirklich so gewesen, subsumiere ich unter der Überschrift: beschämend. In aller Ruhe füllen die „Spanier“ sich den kostenlosen Wein ab, in wohl eigens dafür beschafften großen Trinkgefäßen. Die sich bildende Warteschlange interessiert sie nicht. Ich bescheide mich mit einem Schluck. Klar, dass man das Geschehene noch `mal Revue passieren lassen möchte. Auch als Pilger ist man Mensch. Über dieses Nachkarten hinweg, was ja auch durchaus mit einem Vorteil verbunden sein kann, man nimmt die Anstrengungen des Weges nicht wahr, ….. (weiter unten)

Monasterio Irache. Die letzten Mönche verließen das Benediktinerkloster 1985. Seine Glanzzeit erlebte es von 1056—1098. Sein damaliger Abt San Veremundo, also ein Heiliger, setzte sich in bemerkenswerter Weise für die Armen ein. Wie er das machte, erinnert sehr an die hl. Elisabeth von Thüringen gut einhundert Jahre später. Domenico Laffi wird auf seiner Durchreise sicher die dort untergebrachte Universität bewundert haben. Mit dem Kloster wird eines der ältesten Hospitäler der Pilgerstraße verbunden. Von 1569 bis 1824 wurde hier gelehrt. Heute empfiehlt sich der Besuch der romanischen Kirche, Baubeginn im 12. Jahrhundert, in der Form eines lateinischen Kreuzes mit drei halb-kreisförmigen Apsiden, zwei Portalen und vielen Motiven. Das Kloster selbst besitzt über 7000 Kunstwerke sowie eine Kutschensammlung. Im spanischen Bürgerkrieg (1937), als das Kloster die gefangenen kommunistischen Anführer beherbergte, wurde es von den Inhaftierten restauriert und lässt jetzt eine schöne Steinsetzung ohne Putz wieder erkennen. An der West- und Nordseite haben sich romanische Portale erhalten. Der alte Kreuzgang aus dem 16. Jahrhundert ist durch einen Neubau ersetzt worden. Fein profilierte Pfeiler sind an ihrem oberen Ende von Reliefbändern umzogen, auf denen unter anderem Christi Geburt und die Flucht nacht Ägypten dargestellt sind.

Domenico Laffi, 1670/73

(…) befindet sich das äußerst große und wunderbare Kloster San Benito (Irache), das sehr reich ist und wie eine Stadt aussieht, da es eine große Mauer besitzt (…) Wir setzen unseren Weg fort bis Il Arco del Re (Los Arcos) (…) dem letzten Ort des Königreiches Navarra.

Fuente de los Moros. Maurenbrunnen. 12. Jh., gotisch, vor kurzem restauriert. Die Zisterne wird durch einen quadratischen Stein geschützt. Treppenstufen  unterschiedlicher Höhen führen hinab. Die Lichtbrechung suggeriert bei voller Zisterne, daß alle Stufen gleich hoch sind.

….., nähert sich Villamayor de Monjardin. Um 9Uhr15 hüllt sich die oben auf dem Berg befindliche massige San Esteban Burg noch im Nebel. Ein Blick in meine Aufzeichnungen sagt mir, dass Karl der Große hier 778 einen großen Sieg gegen die Einheimischen errungen hat. Im Rahmen der Reconquista hat dann König Sancho I. Anno Domini 908 das Castillo nicht nur rückerobert, es zudem als Bollwerk gegen die Mauren ausbauen lassen. Auch wenn Elke heute gut drauf ist, der gestrige Tag scheint vergessen, ich bin weniger gut drauf, mir ist alles viel zu anstrengend, bin ich froh, dass sie – heute – mal nicht meine geschichtlichen Interessen teilt und gar vorschlägt, einen Abstecher zum Berg zu machen. So begnüge ich mich, den Maurenbrunnen Fuente de los Moros in Augenschein zu nehmen.

Kurz vor Villamayor de Monjardin. Auf dem Weg zur Iglesia de San Andrés Apóstol.

Elke steuert auf die Marienfigur zu, steckt zwei Kerzen an! Und überhaupt, ich komme aus dem Staunen gar nicht heraus. Elke mutiert mehr denn je zu einer Marien-Liebhaberin. Das war mir schon 1997 in Kanada aufgefallen. Besorgen uns in der Kirche den obligatorischen Stempel, sprechen mit einem Berliner vom Prenzlauer Berg: er will nicht mehr weiter, ist kaputt, will schon nach 8,5 km in die Herberge. Kontrastprogramm auf dem Weg: zwei Bielefelder nähren die Vorurteile: sie gehen just for fun.

Die Strecke nach Los Arcos ist gut zu bewältigen, flach, gut ausgebaute Wege, Weinanbaugebiet. Das anvisierte Hotel Monaco ist seinen Preis wert, gut und sauber, empfehlenswert, das 3-Gang-Menue inklusive Vino Blanco und großer Flasche Wasser sehr ordentlich, preiswert. Abends nach Messe in die Bar – im Kreise vieler Ortsansässiger, die Männer an der Theke, die Frauen spielen Karten. Gut, dass wir uns für den kommenden Tag mit reichlich Kuchen eindecken können. Das wir morgen früh aufstehen wollen, so gegen halb sieben, wird so früh noch kein Breakfast serviert. Und da sind die süßen Kalorienstücke doch gerade richtig. Der Blick in die zwei Tages-Lesungen und das Evangelium, diesmal nicht in spanischer Sprache, beschließt den ereignisreichen Tag.

Die heilige Messe in Los Arcos ist sehr gut besucht, der vorgeschaltete Rosario (Rosenkranzgebet) um 19:35h ebenso. Ich schätze, mindestens 30-40 Pilger sind darunter. Wir alle warten auf den Camino-Segen. Tatsächlich, der junge Co-Zelebrant, ein deutsch sprechender Pilger, reiht sich bei uns ein, lässt sich gleichermaßen vom örtlichen Priester, der verwundert dreinschaut, segnen; Bildchen mit Text inklusive.

Santa Maria, Los Arcos. Eine der bedeutendsten Kirchen Navarras, zwischen dem 12. und 18. Jahrhundert errichtet. Das Schild draußen vor der Kirche spricht vom 16. Jh. Sie vereint von der Spätromantik und Frühgotik bis hin zur Renaissance und dem Barock viele unterschiedliche Baustile. Beachtenswert neben der Schwarzen Madonna in Front der Kirche, ist der Hochaltar aus dem 17. Jh., auf dem eine gotische Marienfigur thront, sowie eine der spektakulärsten Orgeln Navarras. Wie immer in solchen Gebäuden fehlt es nicht an einem herrlichen Kreuzgang, in diesem Fall aus dem 16. Jahrhundert.

Fotos. Iglesia Santa Maria. Los Arcos + Eingangsbereich der Kirche + Schwarze Maria, oberhalb der Kirchentür + Apostelfiguren Petrus und Paulus + Jakobus als Pilger

Liber Sancti Jacobi, 12. Jh.

(…) und hinter Los Arcos (…) fließt ein Strom, dessen Wasser den Pferden und Mannen, die aus ihm trinken, den Tod bringt.

Fotos. Wegweiser Los Arcos 5,7 km + Auf dem Camino + Europakarte aus dem 17. Jh. + Im Restaurant + Stadtbild Los Arcos. + Stadttor. Durch das Portal de Castilla (1739 unter der Herrschaft von Philip V. restauriert) verlassen die Pilger die Stadt Richtung Viana, damals wie heute. Los Arcos war von 1463 bis 1773 der kastilischen Krone untertan. In den drei Wappen sind die königlichen Waffen und das von Los Arcos dargestellt + Stein König Sancho IV., 1067 + Den Friedhof haben wir leider nicht beachtet. Die Mahnung am Friedhofstor hat es in sich: „Ich war, was du jetzt bist, du wirst sein, was ich jetzt bin.“