Elke visiert für heute das dreißig Kilometer entfernte Rua (Pedrouzo) an. Stimmt, stimmt auch wiederum nicht. Ich bin geständig. Nachdem wir die Behausung namens Albergue de Peregrinos de Melide um viertel vor sieben in der Früh verlassen hatten, hatte ich doch tatsächlich überlegt, ob wir nicht einige wenige Kilometer mit dem Bus oder dem Taxi fahren sollten.

Das ganze Unterfangen ist nämlich eine Tortur, egal, was ich zuvor geschrieben habe. Egal, was dieses Foto zu Recht suggeriert, nämlich Idylle pur. Ich will nur noch bald ankommen. Heute bin ich erschrocken ob dieser frevelhaften Gedanken. Also, die Bar von gestern ist schnell gefunden, frühstücken ausgiebig, halten Minuten darauf tatsächlich Ausschau nach einem Taxi. Gottseidank ist der Spuk schnell vorbei, es sind keine Taxis in der Dunkelheit zu sehen.
So wartet an diesem Morgen stattdessen die erste Mutprobe auf uns. Schleichen nichtsahnend am Friedhof vorbei, und sehen plötzlich große Findlinge vor uns.
Ortsausgang Melide. Steinbrocken als Steg.
Es hilft nichts, wir müssen diesen steinernen Steg unbedingt überwinden, nacheinander. Rechts Wasser, links Sumpf. Die Steine sind glitschig.
„Hoffentlich rutsche ich jetzt nicht runter“, denke ich so bei mir, vornweg marschierend.

Schon bald kommt die Belohnung. Ein traumhafter Gang durch einen Eukalyptuswald entschädigt. Die Morgensonne entfaltet langsam ihre volle Kraft, wir inhalieren sie, genießen sie, wären da bloß nicht immer wieder die kurzen, dafür steilen Anstiege, egal ob im Wald oder auf den Fahrstraßen. Langsam zehrt nicht nur alles an den Nerven, die Kraftreserven scheinen aufgebraucht.

Eukalyptuswald zwischen Rio und Ribadiso.
10:00 Uhr, jetzt in Arzua zu bleiben, wäre nicht sehr sinnvoll. Nach drei Stunden steuert Elke kurz entschlossen ein Cafe an, nehmen uns Zeit für einen wichtigen Einkauf, verlassen die kleine Stadt recht bald und wenden uns gedanklich dem kleinen Bauerndorf Salceda zu. Kaum eingekehrt, reibe ich mir die Augen: „Dort drüben sitzen doch die Frauen, die gestern noch hinter uns waren“, dann wieder vor uns, und so weiter, immer mehr oder weniger schlendernd und dabei schwatzend.
„Die sind bestimmt mit `nem Taxi gekommen, anders ist das gar nicht möglich, ein Helikopter könnte es auch gewesen sein!“ Elke nicht zustimmend. Augenblicke darauf staune ich über eine sportive, gut aussehende junge Frau. Auch sie „kennen“ wir von den vergangenen Tagen. Sie also nur mit Handgepäck locker daher schlendernd, ihr Begleiter hingegen sattelt einen großen Rucksack. Was es nicht so alles gibt. In Santiago sitzen sie neben uns am Frühstückstisch, schlürfen Champagner.
Traumhafter Tagesbeginn. Die Morgensonne entfaltet langsam ihre volle Kraft. Einfach grandios dieses Gefühl: allein mit Elke Gottes Natur genießen, keine Menschenseele weit und breit.
Ob das heute (2026) noch so zu erleben ist? Stichwort Pilgermassen ab Sarria. Ich vermute, nein.

Hermann Küng von Vach, 1495
Nach vier Meilen kommst du in die Stadt Lucas, dort gibt es jenseits einer Brücke ein Wildbad. Die Stadt ist ungewöhnlich gebaut, was darum jeder mit Wohlgefallen betrachtet. Dann empfehle ich, bei dem Bad über eine Brücke zu gehen, so hast du neun Meilen bis zur zerstörten Stadt. Dort findest du ein Spital, das nichts wert ist.
Es tröpfelt, nicht der Rede wert. Drei Uhr, kurz vor Pedrouzo; bin heilfroh, dass der Rezeptionist des an der Hauptstraße liegenden Hotels O Pino uns ein freies, relativ günstiges Zimmer offerieren kann. Es stehen viele Autos auf dem Parkplatz, wahrscheinlich von Vertretern/Reisenden; müsste ein gutes Omen sein. Das erste, was mir einfällt, ist, während Elke im Zimmer bleibt, sich ausruht, an der Theke ein kühles Bier zu ordern, können auch zwei gewesen sein. Wat mutt dat mutt. (Plattdeutsch: Was getan werden muss, das muss getan werden…) Beim Abendessen setzt sich ein französisches Ehepaar neben uns; die Ehefrau ist nicht so gesprächig wie ihr Mann. Ein einzelner Pilger mag lieber für sich alleine sitzen, einen Tisch weiter; ihn kennen wir von Rabanal del Camino her.

Unser vorletzter Pilgertag neigt sich dem Ende zu. Die Gedanken springen hin und her, vor ein paar Stunden noch schmunzelten wir anfangs über ein kleines Denkmal, ich weiß gar nicht mehr, wo es sich befand: In einer Grenzmauer eingelassen ein paar Wanderschuhe. Das Schild daneben ließ das Schmunzeln gefrieren. Es wies auf einen Pelegrino namens Guillermo hin, der offensichtlich hier an dieser Stelle am 25. August 1993 verunglückt sein muss.
Erinnerungen an Azebo werden wach. Was wird uns der Finaltag bringen, den wir so sehr herbeisehnen? Wird uns Santiago de Compostela gut aufnehmen? Wir werden sehen. Sind guten Mutes. Das Hotel ist gebucht, aber nicht für morgen. Hatten uns in der Planung verkalkuliert.
Fotos von links. Galicischer Horreo. + Kurz vor Arzua + Santa Irene. Am 29. Juni wird die Fiesta de San Pedro gefeiert. + Rua. Endlich sich der Stiefel entledigen. Sie taten gute Dienste und sind nach fünfzehn Jahren noch im Gebrauch, natürlich neu besohlt.
Quellen / Verweise
Mittelalterliche Zeugen / Autoren
Arnold von Harff. Das Pilgerbuch des Ritters Arnold von Harff (1496‐1498). Helmut Brall‐Tuchel und Folker Reichert. Böhlau Verlag Köln Weimar Wien; 3. Auflage 2009.
Domenico Laffi. Aus: Der Jakobsweg. Ein Reiseführer für Pilger. Millan Bravo Lozano, 1998. Turespana.
Domenico Laffi. A Journey to the West; 1670‐73. Translated by James Hall. Xunta de Galica, 1997.
Liber Sancti Jacobi/Codex Calixtinus. Aus: Der Jakobsweg. Ein Pilgerführer aus dem 12. Jh.. Klaus Herbers. Reclam, 2008.
Hermann Künig von Vach. Aus: Die Strass zu Sankt Jakob (1495). Der älteste deutsche Pilgerführer nach Santiago.
Klaus Herbers und Robert Plötz. Jan Thorbecke Verlag, 2004.
Wer das elent bawen wel. Lied der Jakobspilger seit dem 13. Jh.. Aus: Website www.jakobus‐info.de.
Wander‐/Reiseführer / Hinweise
DuMon aktiv. Spanischer Jakobsweg. Dietrich Höllhuber. 4. Auflage 2006.
Outdoor. Spanien: Jakobsweg Camino Frances. Michael Kasper & Michael Moll. Conrad Stein Verlag. 10. Auflage.
Unser Reisebericht fasst die von uns beschriebenen Erlebnisse dreier Pilgerwanderungen der vergangenen Jahre zusammen. Sollten wir dabei die Rechte
genannter oder auch nicht genannter Autoren ungenügend gewürdigt und/oder berücksichtigt haben, erbitten wir schon jetzt Dispens.
Literatur
Julian Barrio Barrio. Erzbischof von Santiago. Pastoralbrief zum Heiligen Compostelanischen Jahr 2010. Deutsche Fassung: Bischöfliches Ordinariat der
Diözese Rottenburg‐Stuttgart.
Paulo Coelho. Auf dem Jakobsweg, 1986/87. Diogenes. Shirley MacLaine. Der Jakobsweg, 1994/2000. Goldmann.
Menschen auf diesem Weg. Gebet aus: Pray – Das Jugendgebetbuch. Veröffentlicht zum XX. Weltjugendtag Köln 2005.
Gebetstext Heil`ger Jakobus. Aus: www.jakobus‐weg.de. Text von Wolfgang Schneller, 1987.
Dietrich Höllhuber, Werner Schäfke. Der Spanische Jakobsweg. Dumont Kunst Reiseführer, 6. aktualisierte Auflage.
Jakobusfreunde Paderborn. www.jakobusfreunde‐paderborn.eu.
Norbert Ohler. Pilgerstab und Jakobsmuschel. Patmos. 2. Auflage 2003.
Pilgerurkunde. Deutsche Übersetzung der Compostela: www.santiago‐online.com.
Gebetstext Segnung der Pilger. Stiftskirche Roncesvalles. Aus: www.jakobus‐info.de.