Helles Mittelalter vs. Aufklärung

Erst mit Immanuel Kant, Voltaire, Jean-Jacques Rousseau und last but not last mit der Französischen Revolution habe der finale Siegesszug der Ratio begonnen (Unsinn). Das Licht der Vernunft habe endgültig das über 1000 Jahre währende Dunkel des mittelalterlichen Irr- und Aberglaubens verdrängt und zugleich die Idee politischer Freiheit an die Stelle veralteter Vorstellungen von autoritärer Hierarchie gesetzt, schreibt Dr.  Sebastian Ostritsch (Philosoph *)  in seinem Artikel „Doppeltes Licht“ in der katholischen Wochenzeitung Die Tagespost vom 1. Februar 2024.

Aufklärung gleich Blendwerk gleich Unvernunft gleich Blutrunst am Beispiel der Französischen Revolution: Septembermassaker von 1792 (zigtausende Katholiken getötet, ermordet). Der große Philosoph Georg Friedrich Wilhelm Hegel komplettiert Anfang des 19. Jahrhunderts in etwas das Gesagte, wenn er anregt, die Aufklärung dringend über sich selbst aufzuklären. Ostritsch spricht im Folgenden von einer der größten, aber auch erfolgreichsten Täuschungen, als die „Renaissance“ sich bewusst zum angeblich unvernünftigen „dunklen Mittelalter“ abgrenzte, distanzierte. Sein Fazit deckt sich mit meiner Konklusion: Mittelalter gleich beeindruckendes Jahrtausend christlicher Hochkultur – gleich leuchtendes Mittelalter – gleich hellere Leuchtkraft als alle anderen Epochen als die vermeintlichen Glanzperioden der Antike und der Neuzeit.

Foto: commons.wikimedia. Der neue republikanische Revolutionskalender. Eine neue Zeitrechung beginnend mit dem Jahr I der Republik.

Das Mittelalter erhielt seine geistige Energie und Strahlkraft von zwei Sonnen, der der Vernunft und der des Glaubens. Im weiteren Verlauf untermauert der Autor seine Argumentation mit dem Leben und Wirken des heiligen Thomas von Aquin (13. Jh.), dessen historisch einmalig vollzogener Verbindung von Ratio und Fides (Glauben). Thomas gilt nicht von ungefähr als der bedeutendste Denker der gesamten Epoche. Wer mehr über den Aquinaten wissen will, lese sich bitte seinen Artikel durch resp. schlage auf im Heiligenlexikon. Kurz gefasst: Das Leben des Thomas offenbare ein intellektuelles Christentum, das sich weder heidnischen noch jüdischem und islamischen Denken verweigerte, sondern vielmehr alle Quellen prüfte, um die darin zu findenden Wahrheiten in bester katholischer Manier unter dem gemeinsamen Banner von Glauben und Vernunft zu versammeln. Thomas, geb. um 1225, verstarb am 7. März 1274 im Kloster Fossanova / Italien im Alter von nur 49 Jahren.

Thomas von Aquin lehrte den Grundsatz, insoweit geprägt durch die Uni von Paris, sich in Disputen zunächst erst einmal in die Denke seines Gegenüber hineinzuversetzen, um diesen dann möglichst mit dessen Argumenten zu widerlegen. Diese Art der Diskussion wird heute nicht mehr gepflegt, sie gilt als überholt: nur noch die eigenen Ideologie zählt – leider. Erst wenn wir diese schlimme Situation, unterstützt von den Mächtigen dieser Welt, Regierungen und Parteien impliziert, überwunden haben, wird unsere Gesellschaft aufatmen und – nomen est omen – im guten Sinne prosperieren.    

Das Mittelalter war herrlich – so mein Diktum an anderer Stelle unten. Allein schon an den berühmten Baumeistern jener Zeit festzumachen, die die herrlichsten und gewaltigsten Dome und Kathedralen bauten, zu Ehren Gottes, Jesu Christi – ohne Computer. Ich denke nicht nur an Meister Mateo und der von ihm konzipierten und gebauten Kathedrale von Santiago de Compostela (12. Jh.), sondern auch und gerade an die vielen, mir unbekannten Bauherren und Baumeister jener Zeit, die beispielsweise mit dem Bau ihrer wuchtigen in die Höhe schießenden gotischen Kathedralen in Frankreich exorbitante Standards setzten.

Ich denke auch und gerade an die gelebte Caritas (Nächstenliebe), an die Pestkranken, sie nicht wegzuschließen, sie nicht ihrem Schicksal außerhalb der Gesellschaft zu überlassen, wie es in der Antike üblich war, in der Neuzeit. Nein, die Menschen des Mittelalters bauten Spitäler am Rande der Ortschaften auf, pflegten und betreuten die Kranken; gut zu sehen an den vielen noch erhaltenen Ruinen längst des spanischen Jakobsweges Camino Frances.   

*) vgl. Artikel Herder.de vom 29.11.21: Der Philosoph Sebastian Ostritsch erzählt, wie er vom Hegelianer zum Katholiken wurde.